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Ökumenisches Heiligenlexikon

Martin Luther:
Vom unfreien Willen, 1525


Dem ehrwürdigen Herrn Erasmus von Rotterdam
Martinas Luther Gnade und Friede in Christus.

Daß ich recht spät, ehrwürdiger Erasmus, auf Deine Untersuchung über den freien Willen antworte, geschieht gegen alle Erwartung und auch gegen meine Gewohnheit, der ich bisher derartige Gelegenheiten zum Schreiben nicht nur gern zu ergreifen sondern darüber hinaus noch gesucht zu haben schien. Es wird sich vielleicht mancher wundern über diese neue und ungewohnte - sei es Geduld sei es Angst - Luthers, den auch so viele prahlerische Stimmen und Briefe der Gegner nicht auf den Plan gerufen haben, welche Erasmus zu seinem Sieg beglückwünschen und ein Triumphlied anstimmen: Sieh an! Hat dieser berüchtigte Makkabäus und starrköpfige Behaupter seiner Ansichten endlich einen würdigen Gegner gefunden, gegen den er nicht den Mund aufzutun wagt? Doch ich klage diese nicht nur nicht an, sondern reiche Dir sogar selbst die Palme, die ich keinem vorher gereicht habe - nicht nur weil Du an Beredsamkeit und Geist mich weit überragst, was wir alle Dir mit Recht zugestehen (umso mehr als ich immer wie ein Barbar in Barbarei gelebt habe), sondern auch, weil Du meinen Geist und meine Angriffskraft gehemmt und mich bereits vor Beginn des Kampfes müde gemacht hast.

Und das aus zwei Gründen: Zunächst durch die Kunst, mit welcher bewundernswerten und anhaltenden Mäßigung Du diese Sache behandelst, in welcher Du mir entgegengetreten bist, auf daß ich ja nicht gegen Dich aufgebracht werden könnte. Sodann dadurch, daß Du von Ungefähr oder aus Zufall oder Mißgeschick in einer so wichtigen Sache nichts sagst, was nicht schon früher gesagt ist. Und Du sagst soviel weniger und gestehst dem freien Willen soviel mehr zu, als es bisher die sophistischen mittelalterlichen Theologen taten (wovon ich ausführlicher später reden werde) ,daß es sogar überflüssig scheint, diesen Deinen Argumenten entgegenzutreten. Von mir sind sie früher schon oftmals widerlegt worden, vollends zertreten und geradezu zerstampft sind sie durch das unüberwindliche Buch Philipp Melanchthons, die Loco Theologie, welche nach meiner Meinung nicht allein der Unsterblichkeit, sondern auch kirchlichen kanonischen Ansehens würdig ist. Wenn ich Deine Schrift damit verglich, wurde sie mir so verächtlich und gering, daß ich Dich heftig bemitleidete, der Du Deine treffliche und kunstvolle Schreibweise mit solchem Schmutz befleckst, und mich über den ganz unwürdigen Gegenstand entrüstete, welcher mit so kostbarem Schmuck der Beredsamkeit vorgeführt wurde, so als ob man Kehricht oder Kot in goldenen oder silbernen Schüsseln auftrüge. Du scheinst das selbst auch empfunden zu haben, der Du Dich so widerstrebend der Aufgabe dieser Schrift unterzogen hast. Offenbar mahnte Dich Dein Gewissen, daß mir kein blauer Dunst vorgemacht werden könnte, wenn Du auch mit noch so viel Kraft der Beredsamkeit das Unternehmen versuchtest, so daß ich den eigentlichen Unrat wahrnehmen würde, wenn ich die verführerischen Worte entfernte. Wenn ich auch in der Redekunst unerfahren bin, so bin ich doch durch die Gnade Gottes in der Erkenntnis der Dinge nicht unerfahren. So wage ich mit Paulus (2. Kor. 11, 6) mir die Erkenntnis zuzusprechen und sie Dir zuversichtlich abzusprechen, ungeachtet dessen, daß ich die Beredsamkeit und die Begabung freiwillig und pflichtschuldigst Dir zuspreche und mir abspreche.

Deshalb habe ich folgendermaßen überlegt: Wenn es Leute gibt, die unsere durch so viele Schriften verteidigte Lehre nicht tiefer erfaßt haben und nicht kräftiger festhalten, als daß sie durch diese leichtwiegenden und nichts bedeutenden Argumente des Erasmus bewegt werden, mögen diese auch kunstvoll verbrämt sein, so sind sie es nicht wert, daß ich ihnen mit meiner Antwort zu Hilfe komme. Denn solchen Menschen könnte nichts genügend gesagt oder geschrieben werden, wenn man gleich viele tausend Bücher tausendmal wiederholte. Das wäre, als wenn man das Meeresgestade pflügen oder der Wüste Samen anvertrauen oder ein durchlöchertes Faß mit Wasser füllen wollte. Jenen nämlich, welche den Geist aus unseren Schriften zum Lehrer genommen haben, ist reichlich von uns gedient, und sie werden Deine Argumente leichtlich verachten. Die aber, welche ohne den Geist Gottes lesen, bei denen muß man sich nicht wundern, wenn sie durch jeden Wind, wie das Schilfrohr, bewegt werden. Ihnen würde auch Gott nicht genug sagen, und wenn alle Kreaturen zu reden anfingen.

Daher hatte ich mich schon entschlossen, jene unbeachtet zu lassen, welche an Deinem Buch Anstoß nehmen, zusammen mit denen, die prahlen und Dir den Sieg zuerkennen. So hat weder die Menge der Geschäfte, noch die Schwierigkeit der Sache, noch die Größe Deiner Beredsamkeit, noch die Furcht vor Dir, sondern allein der Überdruß, der Unwille und die Geringschätzung, d. h. (damit ich es ausspreche) eben mein Urteil über Deine Diatribe den Drang zu einer Entgegnung gehemmt. Schweigen will ich einstweilen davon, daß Du - Dir darin immer ähnlich - hartnäckig darauf achtest, nur ja nirgendwo nicht aalglatt und zweideutig zu sein, und vorsichtiger als Odysseus zwischen Scylla und Charybdis zu segeln scheinst. Während Du nichts sicher behaupten willst, willst Du dennoch als jemand erscheinen, der solche sicheren Behauptungen aufstellt. Was, frage ich, kann man mit einer solchen Sorte Menschen vergleichen oder zusammenstellen außer dem, der Proteus zu fangen fähig (also diesem überlegen) gewesen wäre? Was ich darin vermag und was Deine Kunst Dir genützt hat, werde ich nachher mit Christi Hilfe zeigen. Daß ich Dir jetzt antworte, ist durchaus nicht ohne Grund: die gläubigen Brüder in Christus drängen und halten mir die Vermutung aller vor, daß die Autorität des Erasmus nicht geringzuschätzen sei und daß die Wahrheit der christlichen Lehre in den Herzen vieler in Gefahr sei. Auch ist mir fürwahr endlich in den Sinn gekommen, daß mein Schweigen nicht recht fromm gewesen und daß mir .von der Klugheit (oder Bosheit) meines Fleisches übel mitgespielt worden sei, so daß ich meines Amtes nicht genügend eingedenk gewesen sei, durch welches ich ein Schuldner bin der Weisen und der Unweisen (Röm. 1, 14), zumal die Bitten so vieler Brüder mich zu dieser Aufgabe rufen. Obgleich nämlich unsere Sache so beschaffen ist, daß der äußere Lehrer ihr nicht genügt, sondern so, daß sie außer ihm, der äußerlich pflanzt und begießt, auch des Geistes Gottes bedarf, welcher das Wachstum geben und innerlich lebendig das Lebendige lehren muß (welcher Gedanke sich mir auferlegte), so hätte dennoch, da dieser Geist frei ist und weht, nicht wo wir wollen sondern wo er will, jene Regel des Paulus beachtet werden müssen: Sei beständig zur rechten Zeit und zur Unzeit, denn wir wissen nicht, zu welcher Stunde der Herr kommen wird (2. Tim. 4, 2; Matth. 24, 42).

Es ist wohl möglich, daß es solche gibt, welche den Geist als Lehrer bisher in meinen Schriften noch nicht erkannt haben und durch die Diatribe des Erasmus zu Boden gestreckt sind, vielleicht weil ihre Stunde noch nicht gekommen war- Und wer weiß, bester Erasmus, ob Gott nicht auch Dich heimzusuchen sich herabläßt durch mich elendes und zerbrechliches Gefäß, so daß diese Schrift zu einer glücklichen Stunde zu Dir komme (was ich von Herzen vom. Vater der Barmherzigkeit durch Christus unseren Herrn erbitte), so daß ich den sehr teuren Bruder reich mache. Denn wenn Du auch schlecht vom freien Willen denkst und schreibst, so bin ich Dir doch nicht wenig Dank schuldig, daß Du mich in meiner Ansicht so ' viel mehr bestärkt hast, sah ich doch die Sache des freien Willens von einem solchen und so großen Geist mit Anspannung aller Kräfte behandelt und so gar nicht vorwärtsgebracht, so daß es jetzt schlechter mit ihr steht als vorher. Denn das ist offensichtlich ein Beweis dafür, daß der freie Wille eine reine Lüge ist, daß es mit ihm geht wie mit jenem Weibe im Evangelium (Luk. 8, 43): je mehr die Ärzte sich mit der Heilung befassen, desto schlimmer steht es. Deshalb werde ich Dir in erhöhtem Maße dankbar sein, wenn Du durch mich besser unterrichtet wirst, wie ich durch Dich zuversichtlicher; aber beides ist Gabe des Geistes und nicht durch uns bewirkt. Darum muß man Gott bitten, daß er mir den Mund, Dir aber und allen das Herz auftue, und daß er selbst Lehrer sei mitten unter uns, der in uns rede und höre. Von Dir aber, lieber Erasmus, laß mich dies erlangen, daß, so wie ich Deine Unwissenheit in. diesen Dingen trage, Du umgekehrt meine Unberedtheit trägst. Weder gibt Gott einem alles, noch können alle alles, oder wie Paulus sagt, die Gaben sind verteilt, aber es ist ein Geist (1. Kor. 12, 4). Es bleibt also nur übrig, daß die Gaben einander Gegendienste leisten, und daß einer mit seiner Gabe die Last und den Mangel des anderen trage. So werden wir das Gesetz Christi erfüllen (Gal, 6, 1 f).

Zunächst will ich einige wesentliche Stücke Deiner Vorrede durchgehen, mit denen Du unsere Sache ziemlich beschwerst und Deine herausstreichst: Zuerst dies, daß Du an mir auch in anderen Büchern die Hartnäckigkeit tadelst, feste Behauptungen aufzustellen, und in diesem Buche sagst. Du habest so wenig Freude an festen Behauptungen, daß Du Dich am liebsten der Meinung der Skeptiker anschließen würdest, wo es nur ohne Verletzung der Autorität der göttlichen Schrift und der Dekrete der Kirche möglich wäre, denen Du Deine Meinung gern unterwirfst, sei es, daß Du begreifst, was sie vorschreibt, sei es, daß Du es nicht begreifst. Diese Sinnesart gefällt Dir.

Wie es billig ist, nehme ich an, daß Du das wohlmeinenden Sinnes gesagt hast und als einer, der den Frieden lieb hat. Wenn es aber ein anderer gesagt hatte, würde ich ihn, wie ich es gewohnt bin, heftig angreifen. Aber ich darf auch nicht dulden, daß Du - wenn auch in bester Meinung - dieser irrigen Ansicht huldigst. Denn das ist nicht Christenart, sich nicht an festen Ansichten zu freuen, Man muß vielmehr an festen Meinungen seine Freude haben oder man wird kein Christ sein. Eine feste Meinung (assertio) aber nenne ich (damit wir nicht mit Worten spielen): einer Lehre beständig anhängen, sie bekräftigen, bekennen, verteidigen und unerschüttert bei ihr ausharren; nichts anderes, glaube ich, bedeutet dieses Wort (asserere) im Lateinischen, sei es nach unserem Brauch oder dem unseres Jahrhunderts. Weiter: ich spreche davon, daß man eine feste Meinung haben muß in jenen Dingen, die uns durch Gott in den heiligen Schriften überliefert sind. Im übrigen haben wir weder Erasmus noch irgend einen anderen Lehrer nötig, der uns belehre, daß in zweifelhaften oder unnützen und unnötigen Dingen feste Behauptungen, Kämpfe und Streitigkeiten darum nicht nur töricht, sondern auch unfromm seien; Paulus verurteilt sie an mehr als einer Stelle. Aber Du redest davon an dieser Stelle auch nicht, glaube ich, es sei denn, daß Du nach der Sitte eines lächerlichen Redners Dir das eine vornehmen und das andere behandeln wolltest, oder daß Du im Wahnwitz eines gottlosen Schriftstellers behaupten möchtest, daß der Artikel vom freien Willen zweifelhaft oder nicht notwendig sei.

Ferne seien von uns Christen die Skeptiker, nahe aber seien uns die, welche mit äußerster Hartnäckigkeit ihre festen Meinungen vertreten. Wie oft, frage ich, fordert der Apostel Paulus jene Plerophorie, das heißt eine ganz sichere und feste Behauptung des Gewissens? Röm. 10, 10 nennt er sie ein Bekenntnis: Mit dem Munde erfolgt das Bekenntnis zur Seligkeit. Und Christus sagt Matth. 10, 32: Wer mich bekennt vor den Menschen, den werde auch ich bekennen vor meinem Vater- Petrus befiehlt 1. Petrus, 3, 15 Rechenschaft abzulegen von der Hoffnung, die in uns ist. Was bedarf es vieler Worte? Nichts ist bei den Christen bekannter und öfter gebraucht als die feste Behauptung einer Meinung. Nimm die sicheren Gewißheiten weg, und du hast das Christentum weggenommen. Ja, sogar der heilige Geist wird den Christen vom Himmel gegeben, daß er Christus verherrliche und bekenne bis zum Tode. Heißt das nicht eine feste Meinung vertreten, des Bekenntnisses und der festen Meinung wegen sterben? Ja, so fest bejaht der heilige Geist, daß er auch ungebeten kommt und die Welt der Sünde anklagt (Joh, 16, 8) und gleichsam den Kampf herausfordert. Und Paulus befiehlt dem Timotheus zu ermahnen und darin anzuhalten auch zu Unzeiten (2. Tim. 4, 2). Das wäre mir aber ein heiterer Ermahner, der selbst nicht fest glaubt noch beständig zu dem steht, wozu er selbst ermahnt! Aber ich bin mehr als töricht, wenn ich mit einer Sache, die klarer ist als die Sonne, Worte und Zeit verliere. Welcher Christ konnte den Satz ertragen, daß feste Meinungen nicht zu ertragen seien? Das würde nichts anderes bedeuten, als ein für alle Mal alle Religion und Frömmigkeit verleugnet, oder fest behauptet zu haben, daß Religion oder Frömmigkeit oder irgendeine Lehre nichts sei. Was also versicherst Du bestimmt: Du hättest keine Freude an festen Meinungen, und: diese Sinnesart sei Dir lieber als die entgegengesetzte?

Du wirst aber vom Bekenntnis Christi und seiner Lehren hier nichts gesagt haben wollen, mit Recht werde ich daran erinnert. Und Dir zuliebe weiche ich von meinem Recht und meiner Gewohnheit und will über Dein Inneres nicht richten. Späterer Zeit oder anderen behalte ich dies vor. Inzwischen mahne ich Dich, daß Du Zunge und Feder besserst und Dich hinfort solcher Worte enthältst, denn wie auch immer das Herz unbescholten und rein sei, so ist doch die Rede nicht so beschaffen, die wie man sagt, das Herz erkennen läßt. Wenn Du nämlich meinst, daß die Frage des freien Willens unnötig zu wissen sei und keine Beziehung auf Christus habe, so redest Du zwar richtig, hast aber dennoch eine gottlose Meinung. Wenn Du jedoch meinst, sie sei notwendig, so redest Du zwar gottlos, aber Deine Meinung ist richtig- Und es wäre dann nicht der rechte Ort gewesen, über unnötige feste Behauptungen und Streitigkeiten so viel zu klagen und aufzuhäufen. Denn was trägt das zum Stand der Sache bei?

Und was wirst Du zu diesen Deinen Worten sagen, wo Du nicht in Bezug auf diese eine Frage des freien Willens sondern über die Lehren der ganzen Religion im allgemeinen sagst: daß Du Dich der Meinung der Skeptiker anschließen würdest, wenn es die unverletzliche Autorität der göttlichen Schriften und der Dekrete der Kirche gestatte, so wenig habest Du Gefallen an festen Meinungen? Welch ein Proteus steckt in diesen Worten: unverletzliche Autorität und Dekrete der Kirche? Es scheint nämlich, als ob Du die Schrift und die Kirche sehr verehrtest, und dennoch läßt Du merken, daß Du Dir die Freiheit wünschst, ein Skeptiker zu sein? Welcher Christ würde so reden? Wenn Du dies von unnötigen und gleichgültigen Lehren sagst, was bringst Du da Neues hervor? Wer wünschte hier nicht die Freiheit zur skeptischen Äußerung? Ja, welcher Christ gebraucht nicht tatsächlich freimütig diese Möglichkeit und verurteilt die, welche Verpflichtete und Gefangene irgendeiner (nicht notwendigen) Meinung sind? Es sei denn, daß Du sämtliche Christen für solche hältst (so klingen Deine Worte beinahe), deren Lehren unnötig sind, um welche sie töricht zanken und mit scheinbar sicheren Behauptungen streiten. Wenn Du aber wirklich von notwendigen Lehren sprichst, was kann jemand Gottloseres geltend machen, als den Wunsch nach der Freiheit, nichts Festes in diesen Dingen behaupten zu müssen? So wird vielmehr ein Christ sprechen: Ich habe so wenig Gefallen an der Meinung der Skeptiker, daß ich, wo es auch immer wegen der Schwäche des Fleisches nur möglich wäre, nicht allein durch die heilige Schrift beständig überall in allen Stücken fest gebunden und durch sie gewiß gemacht werden möchte, ja ich wünschte auch, in den nicht notwendigen und außerhalb der Schrift gelegenen Dingen so sicher wie irgend möglich zu sein. Denn was ist elender als die Ungewißheit ?

Was sollen wir auch dazu sagen, wo Du hinzufügst: denen ich überall meinen Verstand gern unterwerfe, sei es, daß ich einsehe, was sie (Schrift und Kirche) vorschreiben, sei es, daß ich es nicht einsehe. Was sagst Du da, Erasmus? Genügt es nicht, seinen Verstand der Schrift zu unterwerfen? Unterwirfst Du ihn auch den Dekreten der Kirche, Was kann jene entscheiden, was nicht in der Schrift entschieden ist? Wo bleibt alsdann die Freiheit und die Vollmacht, jene Gesetzgeber zu beurteilen, wie Paulus 1. Kor. 14, 29 lehrt: die andern mögen es entscheiden? Es gefällt Dir nicht, ein selbständiges Urteil über die Entscheidungen der Kirche zu haben, das Paulus doch fordert? Was ist das für eine neue Frömmigkeit und Demut, daß Du uns durch Dein Beispiel die Freiheit nehmen willst, Menschenbeschlüsse zu beurteilen, und daß Du Dich urteilslos den Menschen unterwirfst? Wo befiehlt uns das die Schrift Gottes ? Welcher Christ mag ferner die Gebote der Schrift und der Kirche so in den Wind schlagen, daß er sagen kann: (gleichgültig) ob ich es verstehe oder ob ich es nicht verstehe? Du unterwirfst Dich und kümmerst Dich dennoch nicht darum, ob Du es verstehst oder nicht? Der Christ sei wahrlich verflucht, der nicht gewiß ist und begreift, was ihm vorgeschrieben wird. Denn auf welche Weise soll er glauben, was er nicht versteht? Denn Du wirst hier das begreifen (assequi) nennen, daß jemand etwas gewiß erfaßt hat und nicht nach Sitte der Skeptiker bezweifelt. Wenn begreifen vollkommenes Erkennen und Sehen wäre, was könnte irgend ein Mensch überhaupt an einer Kreatur begreifen? Dann wäre nämlich kein Platz dafür, daß jemand gleichzeitig etwas begreifen und nicht begreifen kann. Sondern wenn er irgendeines begriffen hätte, hätte er alles begriffen; zum Beispiel in Gott. Wer ihn nicht begreift, begreift niemals auch nur einen Teil der Natur.

In Summa, diese Deine Worte klingen so, als ob Dir nichts daran liege, was von wem auch immer wo nur immer geglaubt werde, wenn nur der Friede der Welt erhalten bleibe, und als ob es erlaubt sei, um der Gefahr für Leben, Ruf, Besitz und Ansehen willen jenen nachzuahmen, der da sagte: Sagt man ja, sage ich auch ja, sagt man nein, sage ich auch nein. Das klingt so, als ob Du die christlichen Lehren nicht für besser hältst als die Anschauungen der Philosophen und anderen menschlichen Meinungen, um die es mehr als töricht ist sich zu streiten, zu kämpfen, sie fest zu behaupten, weil von ihnen nichts als Streit und Zerstörung des äußeren Friedens kommen: Was über uns ist, das geht uns nichts an. Um unsere Streitigkeiten zu schlichten, verhältst Du Dich neutral, damit Du beide Seiten im Gleichgewicht halten und überzeugen kannst, daß wir uns um törichte und unnötige Dinge streiten.

So, wiederhole ich, klingen Deine Worte. Und was ich hierbei zu sagen unterdrückte, glaube ich, weißt Du wohl, lieber Erasmus. Aber, wie ich schon sagte, die Worte mögen hingehen, Deine eigentliche Meinung will ich einstweilen als entschuldigt ansehen, wenn Du nur Dich nicht weiter herausläßt- Aber fürchte den Geist Gottes, der Herz und Nieren erforscht (Ps. 7, 10) und sich nicht mit wohlgesetzten Worten täuschen läßt. Deshalb habe ich nämlich das gesagt, damit Du künftig aufhörst, uns der Hartnäckigkeit und Starrköpfigkeit zu beschuldigen. Denn mit diesem Vornehmen tust Du nichts anderes, als daß Du kundgibst, daß Du in Deinem Herzen eine Gesinnung nährst, die selbst durchaus nicht glaubt, daß ein Gott sei, und heimlich alle verlacht, die das glauben und bekennen. Laß uns Menschen sein, die feste Meinungen haben, sich darum bemühen und an ihnen Freude haben. Du magst es mit Deinen Skeptikern halten, bis Christus Dich auch wird berufen haben. Der heilige Geist ist kein Skeptiker, er hat nichts Zweifelhaftes oder unsichere Meinungen in unsere Herzen geschrieben, sondern feste Gewißheiten, die gewisser und fester sind als das Leben selbst und alle Erfahrung.

Damit komme ich zum zweiten wesentlichen Stück, welches mit diesem zusammenhängt. Wo Du die christlichen Lehren unterscheidest, gibst Du vor, einige seinen zu wissen notwendig, einige nicht, und sagst, einige seien dunkel und verworren, einige dagegen klar und verständlich. So tändelst Du, vielleicht durch die Worte anderer getäuscht, oder übst Dich gleichsam in der rhetorischen Kunst. Du führst aber für diese Ansicht jenes Wort des Paulus Röm. 11, 33 an: O welche Tiefe des Reichtums der Weisheit und Erkenntnis Gottes!, außerdem jenes Wort Jes. 40, 13: Wer hat dem Geist des Herrn geholfen oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Das waren für Dich leichte Sprüche, weil Du entweder wußtest, daß Du nicht für Luther sondern für das einfältige Volk schriebst, oder weil Du nicht bedachtest, daß Du gegen Luther schriebst. Denn ich hoffe, daß Du diesem doch einiges Studium und Urteil in der heiligen Schrift zubilligst. Wenn nicht, auch gut, ich werde es Dir schon abtrotzen. So sieht meine Unterscheidung aus, damit ich auch ein wenig rhetorisch und dialektisch werden Zwei verschiedene Dinge sind Gott und die Schrift Gottes, nicht weniger als der Schöpfer und die Schöpfung Gottes zwei verschiedene Dinge sind. Daß in Gott viel verborgen ist, was wir nicht wissen, daran zweifelt kein Mensch, so wie er selbst vom jüngsten Tag sagt: Von jenem Tag weiß niemand denn der Vater (Mark. 13, 32). Und Apg. 1, 7: Es gebührt euch nicht, zu wissen Zeit und Augenblick. Und wiederum (Joh. 13, 18): Ich weiß, welche ich auserwählt habe. Und Paulus (2. Tim. 2, 19): Es kennt der Herr die Seinen, und dergleichen mehr. Aber daß in der Schrift etwas verworren sei und nicht alles klar verständlich, das ist zwar durch die gottlosen Sophisten verbreitet, mit deren Mund auch Du hier redest, Erasmus. Jedoch haben sie niemals einen einzigen Artikel hervorgebracht noch hervorbringen können, mit welchem sie diesen ihren Unsinn beweisen konnten. Durch solche Schreckgespenster hat der Satan vom Lesen der heiligen Schrift abschrecken wollen und die heilige Schrift verächtlich gemacht, damit er seine aus der Philosophie hergenommene Pestilenz in der Kirche zur Herrschaft brächte.

Das allerdings gebe ich zu, daß viele Stellen in der Schrift dunkel und verworren sind, nicht um der Hoheit der Dinge sondern um unserer Unkenntnis der Worte und der Grammatik willen, die aber nicht die Erkenntnis aller Dinge in der Schrift hindern können. Denn was kann in der Schrift noch Erhabeneres verborgen sein, nachdem die Siegel aufgebrochen sind (Offb. 6, 1) und der Stein von der Grabestür gewälzt ist, jenes höchste Geheimnis verkündigt worden ist, daß Christus, der Sohn Gottes Mensch geworden, daß Gott dreifältig und doch einer sei, daß Christus für uns gelitten hat und ewiglich regieren werde. Ist das nicht in aller Welt bekannt und verkündigt? Nimm Christus fort aus der Schrift, was wirst Du weiter in ihr finden?

Die Dinge, welche in der Schrift verkündet sind, liegen also klar am Tage, mögen auch einige Stellen bisher um unbekannter Worte willen dunkel sein. Töricht aber ist es wahrlich und gottlos, zu wissen, daß der ganze Inhalt der Schrift im klarsten Licht liegt, und wegen einiger dunkler Worte die Tatsachen für dunkel zu erklären. Wenn an einer Stelle die Worte dunkel sind, so sind sie doch an einer anderen klar verständlich. Dieselbe Sache aber, welche auf das offenkundigste aller Welt vorgetragen ist, wird in der Schrift einmal mit klaren Worten vorgetragen, ein anderes Mal liegt sie bisher wegen der unverständlichen Worte verborgen. Es liegt wirklich nichts daran, wenn die Sache sich im Lichte befindet, daß irgendeines ihrer Merkmale im Dunkeln liegt, während jedoch viele andere ihrer Merkmale im Lichte stehen. Wer wird behaupten, ein Öffentlicher Brunnen befinde sich nicht im Lichte, weil die in der Seitenstraße stehen, ihn nicht sehen, während doch alle, die auf dem Markt sind (wo er steht), ihn sehen können? DER SCHRIFTINHALT IST KLAR VERSTÄNDLICH!

Es ist also Unsinn, was Du von der sog. koryzischen Grotte anführst (die anfangs durch eine gewisse angenehme Lieblichkeit anlockt und anzieht bis endlich das Entsetzen und die Majestät der dort wohnenden Gottheit die immer tiefer Eingedrungenen forttreibt). So verhält sich die Sache in der Schrift nicht. Denn die allererhabensten und dunkelsten Geheimnisse, um die es sich hier handelt, sind nicht weit entfernt im Verstecke sondern öffentlich und vor aller Augen vorgeführt und dargelegt- Christus hat uns das Verständnis eröffnet, daß wir die Schrift verstehen, und das Evangelium ist aller Kreatur gepredigt (Luk. 24, 45), sein Schall ist ausgegangen in alle Lande (Ps. 19, 5) Und: alles, was geschrieben steht, ist uns zur Lehre geschrieben (Röm. 15, 4), Ferner: alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zu unserer Belehrung (2. Tim. 3, 16) Darum, Du und alle Sophisten: bringt irgendein einziges Geheimnis heran, das bis jetzt in der Schrift noch dunkel ist. Daß aber vielen vieles dunkel bleibt, das liegt nicht an der Dunkelheit der Schrift, sondern an der Blindheit und Beschränktheit jener, die sich nicht bemühen, die ganze klare Wahrheit der Schrift zu sehen, so wie Paulus von den Juden 2. Kor. 3, 15 sagt: Die Decke bleibt über ihren Herzen und wiederum 2. Kor. 4, 3 f.: Wenn unser Evangelium verhüllt ist, so ist es in denen verhüllt, die verloren gehen, deren Herzen der Gott dieser Welt mit Blindheit geschlagen hat. Mit demselben Frevelmut könnte jemand die Sonne und den angeblich dunklen Tag beschuldigen, wenn er sich selbst die Augen verhüllte oder aus dem Licht in die Finsternis ginge und sich selbst vor dem Licht verberge. Es mögen also die elenden Menschen ablassen, an der Finsternis und der Dunkelheit ihres Herzens mit gotteslästerlicher Verkehrtheit der völlig klaren Schrift Gottes die Schuld zu geben.

Wenn Du also Paulus anführst, der Röm. 11, 33 sagt: Unbegreiflich sind seine Urteile, so scheinst Du das Pronomen seine auf die Schrift bezogen zu haben. Aber Paulus sagt nicht: unbegreiflich sind die Urteile der Schrift, sondern: Gottes, Ebenso sagt Jes. 40, 13 nicht: Wer hat erkannt den Sinn der Schrift, sondern den Sinn des Herrn. Wenn Paulus auch versichert (1. Kor, 2, 10), daß den Christen der Sinn des Herrn bekannt sei, so doch aber in dem, was uns gegeben ist, wie er ebenda sagt (1. Kor. 2, 12). Du siehst also, wie schläfrig Du diese Stellen der Schrift angesehen und daß Du so geschickt zitiert hast, wie Du ebenso passend fast überall angebliche DIE DOPPELTE KLARHEIT DER SCHRIFT Belegstellen für den freien Willen anführst. So tragen auch Deine Beispiele, welche Du nicht ohne verdächtigen Umstand und heimlichen Stachel anfügst, nichts zur Sache bei, wie die vom Unterschied der Personen, von der Vereinigung der göttlichen und menschlichen Natur, von der unvergebbaren Sünde (wider den heiligen Geist, Matth, 12, 31), deren dunkler Inhalt, wie Du behauptest, noch nicht geklärt sei. Wenn Du dabei an die über diese Gegenstände angestellten Untersuchungen der Sophisten denkst, was hat Dir die ganz unschuldige Schrift getan, daß Du den Mißbrauch der heillosen Menschen der Reinheit jener vorwirfst? Die Schrift bekennt schlicht und einfach die Dreieinigkeit Gottes wie die Menschheit Christi und die unvergebbare Sünde. Hier ist nichts dunkel oder zweifelhaft, Auf welche Weise das aber zugeht, sagt die Schrift nicht, obwohl Du es vorgibst, und ist auch zu wissen nicht notwendig. Die Sophisten behandeln hier ihre Träume, diese klage an und verurteile sie, die Schrift aber sprich frei davon. Wenn Du aber an das Wesen der Sache selbst denkst, so klage wiederum nicht die Schrift sondern die Arianer an und diejenigen, denen das Evangelium verborgen gewesen ist, daß sie die ganz klaren Zeugnisse von der göttlichen Trinität und der Menschheit Christi infolge der Wirksamkeit des Satans, ihres Gottes, nicht sehen.

Und damit ich es kurz sage: es gibt auch eine doppelte Klarheit der Schrift, so wie auch eine doppelte Dunkelheit, eine äußere, durch die Hilfe des Wortes geschaffen, eine andere in der Erkenntnis des Herzens gelegen. Wenn Du von der inneren Klarheit sprichst, so wird kein Mensch eines einzigen Buchstabens in der Schrift gewahr, wenn er nicht den Geist Gottes besitzt. Alle haben ein verfinstertes Herz, so daß sie, wenn sie auch alles, was in der Schrift steht, zu sagen und vorzubringen wissen, nichts davon wahrnehmen oder erkennen. Weder glauben sie an die Existenz Gottes, noch daß sie seine Geschöpfe sind, noch irgend etwas anderes, ganz entsprechend jenem Psalmwort: der Unverständige sagt in seinem Herzen, Gott gibt es nicht (Ps. 14, 1). Der Geist wird nämlich erfordert zum Verständnis der ganzen Schrift oder irgend eines ihrer Teile. Wenn Du aber von der äußeren Klarheit sprichst, so ist überhaupt nichts unklar oder zweifelhaft gelassen, sondern alles, was auch immer in der Schrift enthalten ist, ist durch das Wort in das gewisseste Licht gebracht und aller Welt dargelegt. Aber noch weniger ist zu dulden, daß Du diese Frage des freien Willens unter die zählst, die unnütz und nicht notwendig sind. Und an Stelle dessen zählst Du uns auf, was Du für den christlichen Glauben für ausreichend erachtest und zwar auf eine Weise, wie sie bestimmt jeder beliebige Jude oder Heide, der von Christus gar nichts weiß mit Leichtigkeit beschreiben könnte. Denn Du tust Christi nicht mit einem einzigen Jota Erwähnung, gleich als wenn Du glaubtest, daß ein christlicher Glaube ohne Christus existieren könne, wenn nur der von Natur grundgütige Gott mit allen Kräften verehrt würde. Was soll ich dazu sagen, Erasmus? Wenn Du diese Sache als nicht notwendig für Christen erachtest, so tritt bitte aus der Arena ab, wir haben nichts mit Dir zu schaffen. Wir erachten sie für notwendig. Wenn es unfromm, wenn es neugierig, wenn es überflüssig ist, wie Du sagst, zu wissen, ob Gott zufällig etwas vorher weiß, ob unser Wille etwas tun kann in den Dingen, die zum ewigen Heil gehören oder ob er sich nur passiv gegen die wirkende Gnade verhält, ob wir, was wir Gutes oder Böses tun, aus reiner Notwendigkeit tun oder besser gesagt geschehen lassen, was wird dann, frage ich, gottesfürchtig sein? Was wichtig, was nützlich zu wissen?

Das taugt ganz und gar nichts, Erasmus, das ist zu viel. Es fällt schwer, dies Deiner Unwissenheit zuzuschreiben, der Du doch schon ein alter Mann bist und unter Christen gelebt und Dich mit der heiligen Schrift lange beschäftigt hast. Du läßt uns nicht eine Möglichkeit, die uns Dich entschuldigen und gut von Dir denken läßt. Und trotzdem verzeihen Dir die Katholiken diese Ungeheuerlichkeiten und ertragen sie; deshalb weil Du gegen Luther schreibst. Andernfalls, wenn Luther nicht lebte und Du derartiges schriebst, würden sie Dich mit den Zähnen zerfleischen. Plato ist Freund, Sokrates ist Freund - aber die Wahrheit muß vorgezogen werden. Denn magst Du auch zu wenig wissen von der Schrift und vom christlichen Glauben, so müßte auch ein Freund der Christen das wissen, was den Christen notwendig und nützlich ist, und was sie nicht dafür erachten. Du aber, Theologe und Lehrer der Christen, der Du jenen eine Gestalt des Christentums vorschreiben willst, bist nicht einmal auf Deine skeptische Art unschlüssig darüber, was jenen notwendig und nützlich sein könnte sondern schlägst Dich geradewegs auf die Gegenseite und urteilst ganz gegen Deine Sinnesart mit unerhörter fester Behauptung, es seien diese Artikel nicht nötig. Wenn diese Artikel nicht als notwendig und zuverlässig erkannt sind, bleibt weder Gott noch Christus noch das Evangelium, noch der Glaube noch irgend etwas anderes übrig, nicht einmal etwas vom Judentum, noch viel weniger vom Christentum! Beim unsterblichen Gott, Erasmus, welch große Öffnung, vielmehr welch weites Feld hast Du eröffnet, gegen Dich zu Werke zu gehen und zu reden! Was könntest Du über den freien Willen Gutes und Richtiges schreiben, der Du eine so große Unwissenheit in Bezug auf die Schrift und den Glauben mit diesen Deinen Worten eingestehst? - Aber ich will die Segel einziehen und nicht mit meinen Worten (was ich vielleicht nachher tun werde) sondern mit Deinen eigenen Worten gegen Dich zu Werke gehen). Die von Dir beschriebene Gestalt des Christentums schließt unter anderem dies in sich, daß wir mit allen Kräften streben, daß wir an das Heilmittel der Buße uns wenden, daß wir auf alle Weise die Barmherzigkeit des Herrn angehen sollen, ohne die weder der menschliche Wille noch sein Streben wirksam ist. Ebenso, daß niemand an der Gnade des von Natur grundgütigen Gottes verzweifeln solle. Diese Deine Worte, ohne Christus, ohne Geist, kälter als das Eis selbst, so daß sogar der Glanz Deiner Beredsamkeit den Fehler in ihnen hinnehmen muß, welche Dir Ärmsten mit Mühe die Furcht etwa vor den Papisten und Tyrannen herausgepreßt hat, damit Du nicht völlig als Atheist erschienest, sie versichern dennoch mit Nachdruck, daß Kräfte in uns existieren, daß man alle Kräfte anspannen könne, daß es eine Barmherzigkeit Gottes gebe, daß Gott von Natur gerecht, daß er von Natur grundgütig sei usw. Wenn jemand also nicht weiß, was das für Kräfte sind, was sie vermögen, was sie zulassen, welches ihr Ansatz ist, was ihre Wirksamkeit, was ihre Unwirksamkeit, was soll der tun? Was willst Du ihn zu tun lehren?

Es sei unfromm, hast Du gesagt, neugierig und überflüssig, wissen zu wollen, ob unser Wille etwas tun kann in den Dingen, die zur ewigen Seligkeit gehören, oder ob er sich nur passiv gegen die wirkende Gnade verhält. Aber hier sagst Du das Gegenteil: es gäbe eine christliche Frömmigkeit, man müsse alle Kräfte anspannen, und ohne die Barmherzigkeit Gottes sei der Wille nicht wirksam. Hier versicherst Du geradewegs, daß der Wille etwas vermöge in den Dingen, welche zur ewigen Seligkeit gehören, daß Du ihn als sich darum bemühend darstellst. Und umgekehrt machst Du ihn zu einem passiven, da Du sagst, daß er ohne die Barmherzigkeit unwirksam sei. (Versteht sich, daß Du nicht definierst, wie weit jenes aktive Tun und jenes passive Erdulden sich erstreckt, und Dir Mühe gibst, Unwissenheit zu erzeugen, was die Barmherzigkeit Gottes vermöge und was unser Wille, und zwar eben dort, wo Du lehrst, was unser Wille tue und was die Barmherzigkeit Gottes. So dreht sich Deine Weisheit im Kreise herum, mit welcher Du beschlössest, keiner der Parteien anzuhängen und zwischen Scylla und Charybdis sicher hervorzugehen: daß Du mitten aus dem Meer mit Fluten überschüttest und verwirrt alles fest bejahst, was Du verneinst und verneinst, was Du fest bejahst.)

Es ist nicht unfromm, neugierig oder überflüssig, sondern ganz besonders heilsam und notwendig für den Christen zu wissen, ob der eigene Wille etwas oder nichts tun kann in den Dingen, die zum Heil gehören. Ja das ist, damit Du im Bilde bist, sogar der Angelpunkt unserer Disputation, hier liegt der Kern dieser Sache. Denn darauf sind wir aus, daß wir untersuchen, was der freie Wille vermag, was er zuläßt, wie er sich zur Gnade Gottes verhält. Wenn wir das nicht wissen, wissen wir rein gar nichts von den Angelegenheiten der Christen und werden schlimmer sein als alle Heiden. Wer das nicht empfindet, gesteht damit ein, daß er kein Christ sei, wer aber das tadelt und verachtet, möge wissen, daß er der größte Feind der Christen ist. Denn, wenn ich nicht weiß, was, wieweit und wieviel ich kann und zu tun vermag in Bezug auf Gott, so wird es mir ebenso ungewiß und unbekannt sein, was, wieweit und wieviel Gott in Bezug auf mich vermag, da Gott doch alles in allem wirkt (1. Kor. 12, 6). Wenn ich aber die Werke und die Wirkungsmacht Gottes nicht kenne, so kenne ich Gott selbst nicht. Kenne ich Gott nicht, so kann ich ihn auch nicht verehren, preisen, ihm Dank sagen und ihm dienen, da ich ja nicht weiß, wieviel ich mir zuschreiben kann und wieviel ich Gott schulde.

Man muß also den genauesten Unterschied machen zwischen der Kraft Gottes und unserer, zwischen dem Werk Gottes und dem unseren, wenn wir fromm leben wollen. So siehst Du, daß diese Aufgabe das eine Teil der ganzen Summe christlichen Wesens darstellt, von welcher abhängt und wo auf dem Spiel steht die Kenntnis unserer selbst, die Erkenntnis und die Ehre Gottes. Darum kann es bei Dir nicht gelitten werden, lieber Erasmus, daß Du dieses Wissen unfromm, neugierig und nichtig nennst. Viel sind wir Dir schuldig, aber dem Glauben sind wir alles schuldig. Ja, Du selbst merkst, daß wir all unser Gutes Gott zuschreiben müssen und versicherst das in Deiner Darstellung des Christentums. Wenn Du aber dies behauptest, so versicherst Du bestimmt auch zugleich, daß die Barmherzigkeit Gottes allein alles tue und daß unser Wille nichts tue, sondern vielmehr nur passiv sei. Und dennoch bestreitest Du kurz danach, das zu versichern oder zu wissen, sei gottesfürchtig, fromm und heilsam. So zu reden wird jedoch ein Geist gezwungen, der in sich selbst nicht beständig und in den Sachen des Glaubens unsicher und unerfahren ist.

Der andere Teil der Summe des Christentums ist es, zu wissen, ob Gott irgend etwas zufällig vorherweiß, oder ob wir alles unter dem Zwang der Notwendigkeit tun. Und auch das nennst Du unfromm, neugierig und nichtig, wie es alle Gottlosen tun und wie es auch die Teufel und Verdammten hassenswert und verabscheuenswert machen. Du bist auch nicht töricht, wenn Du Dich diesen Fragen entziehst (wofern es nur möglich wäre). (Aber indessen wärest Du ein zu wenig guter Redner und Theologe, wenn Du über den freien Willen ohne diese Stücke zu reden und zu lehren wagtest. Ich will als Schleifstein dienen und, obwohl ich kein Rhetor bin, den ausgezeichneten Rhetor an seine Aufgabe erinnern. Wenn Quintilian, in der Absicht über die Redekunst zu schreiben, so redete: nach meiner Ansicht sind jene törichten und überflüssigen Fragen der Auffindung des Themas, der Disposition, des Ausdrucks, des Gedächtnisses, der Aussprache wegzulassen, es genügt zu wissen, daß die Redekunst eine Kunst des Wohlredens ist, würdest Du da nicht den Künstler auslachen?)

Nicht anders machst Du es auch, der Du über den freien Willen schreiben willst und als erstes die ganze Substanz und alle Teile des Kunstwerkes abtrennst und wegwirfst, über welches Du schreiben willst. Denn Du kannst unmöglich wissen, was der freie Wille ist, wenn Du nicht weißt, was der menschliche Wille vermag, was Gott tun kann, ob er es mit Notwendigkeit vorherweiß. Lehren Dich Deine Rhetoren nicht, daß, wenn man über irgendeinen Gegenstand reden will, sagen muß: zunächst, ob es ihn gibt, dann, was er sei, welches seine Teile, was ihm entgegengesetzt, verwandt, ähnlich usw. ist? Du aber beraubst den an sich schon elenden Gegenstand des freien Willens all dieser Dinge, und grenzt keine ihn betreffende Frage ab, außer jener einzigen ersten, ob es ihn gebe, und das mit solchen Argumenten wie wir sehen werden, so daß ich kein schwächeres Buch (abgesehen von der Eleganz der Redeweise) über den freien Willen bisher gesehen habe. Die Sophisten disputieren hier wenigstens wirklich besser, wenn sie auch von der Rhetorik nichts verstehen, und grenzen, wenn sie sich an den freien Willen machen, alle ihn betreffenden Fragen ab: ob es ihn gebe, was er sei, was er wirke, wie es sich mit ihm verhalte usw., mögen sie auch nicht bewerkstelligen, was sie versuchen. Ich will deshalb mit diesem Buch Dir und allen Sophisten - hart zusetzen, bis ihr mir die Kräfte und die Werke des freien Willens definiert. Und ich werde Dir so zusetzen, wenn Christus mir gnädig ist, daß ich hoffe, Dich dahin zu bringen, die Herausgabe Deiner Diatribe zu bereuen.

Es ist also auch dies vor allen Dingen notwendig und heilsam für den Christen, zu wissen, daß Gott nichts zufällig vorherweiß, sondern daß er alles mit unwandelbarem, ewigem und unfehlbarem Willen sowohl vorhersieht, sich vornimmt und ausführt. Durch diesen Donnerschlag wird der freie Wille zu Boden gestreckt und ganz und gar zermalmt. Deshalb müssen die, welche den freien Willen wollen behauptet haben, diese schlagende Erkenntnis entweder verneinen oder verleugnen oder auf irgendeine andere Weise von sich schaffen.

Ehe ich aber das durch meine Erörterung und durch die Autorität der Schrift bekräftige, will ich es zuvor mit deinen Worten selbst behandeln.

Bist Du es nicht, mein Erasmus, der kurz vorher versichert hat, daß Gott von Natur gerecht, von Natur grundgütig sei? Wenn dies wahr ist, folgt daraus nicht, daß er unwandelbar gerecht und gnädig ist? Denn wie seine Natur sich in Ewigkeit nicht wandelt, so auch nicht seine Gerechtigkeit und Huld. Was aber von seiner Gerechtigkeit und Güte gilt, muß auch von seinem Wissen, seiner Weisheit, Güte, seinem Willen und den anderen göttlichen Eigenschaften gelten. Wenn also dies gottesfürchtig, fromm und heilsam von Gott bestimmt ausgesagt werden kann, wie Du schreibst, was ist dann über Dich gekommen, daß Du, im Widerspruch zu Dir selbst, jetzt behauptest, es sei unfromm, neugierig und nichtig zu sagen, daß Gott alles mit Notwendigkeit vorherwisse? Man höre nur: Du predigst daß man lernen müsse, Gottes Wille sei unveränderlich, zu wissen, daß sein Vorherwissen unveränderlich sei, verbietest Du aber. Oder glaubst Du, daß er etwas vorherweiß, ohne es zu wollen, oder daß er etwas will, ohne es zu wissen? Wenn er es wollend vorherweiß, so ist sein Wille (weil er zu seiner Natur gehört) ewig und unveränderlich, wenn er etwas vorherwissend will, so ist sein Wissen (weil es zu seiner Natur gehört) ewig und unveränderlich, Daraus folgt unwiderstehlich: Alles, was wir tun, alles was geschieht, wenn es uns auch veränderlich und zufällig zu geschehen scheint, geschieht dennoch tatsächlich zwangsnotwendig und unwandelbar, wenn Du den Willen Gottes ansiehst. Denn der Wille Gottes ist wirksam, er kann nicht gehindert werden, denn er ist Gottes natürliche Wirkungsmacht. Er ist weiterhin weise, so daß er nicht getäuscht werden kann. Wenn aber der Wille nicht gehindert werden kann, so das Werk selbst auch nicht, daß es geschehe: an dem Ort, zu der Zeit, auf die Weise, in dem Maße, wie er selbst vorhersieht und will.

Die heidnischen Dichter und das ungebildete Volk selbst führen das sprichwörtlich im Munde, Wie oft erwähnt allein Vergil das Schicksal?: Alles steht sicher durch Gesetz. Ebenso: Einem jeden ist seine Zeit bestimmt. Ebenso: Wenn Dich das Schicksal ruft. Ebenso: Ob man das harte Schicksal durchbrechen könne. Dieser Dichter tut nichts anderes, als daß er an der Zerstörung Trojas und der Errichtung des römischen Reiches aufzeigt, daß das Schicksal mehr vermag als die Anstrengungen aller Menschen und so das Gesetz der Notwendigkeit den Dingen wie den Menschen auferlegt. Schließlich unterwirft er auch seine unsterblichen Götter dem Schicksal, dem sie notwendig weichen, auch Jupiter selbst und Juno. Von da her haben sie ersonnen, jene drei Parzen, unwandelbar, unversöhnlich, unerbittlich.

Jene weisen Männer haben empfunden, was die Sache selbst durch die Erfahrung beweist, daß keinem Menschen jemals seine Absichten geglückt sind, sondern daß allen anders, als sie es dachten, ihr Vorhaben ausgegangen sei; Wenn Pergamon mit den Fäusten hätte verteidigt werden können, wäre es mit den meinen verteidigt worden, sagt Hektor bei Vergil. Darum ist als Sprichwort in aller Munde: Was Gott will, das geschehe, ebenso: so Gott will, wollen wir es tun. Ebenso sagt Vergil: So hat Gott es gewollt, so hat es den Göttern gefallen, so habt ihr es gewollt. So sehen wir, daß im einfachen Volk nicht minder das Wissen um die Vorherbestimmung und das Vorherwissen Gottes geblieben ist, als die Gottesvorstellung selbst. Aber die, die weise scheinen wollten, sind durch ihre Überlegungen davon abgekommen, bis sie verblendeten Herzens Narren wurden (Röm. 1, 21 f) und leugneten oder in Abrede stellten das, was die Dichter und das einfache Volk und auch ihr eigenes Gewissen für das Vertrauteste, Gewisseste und Wahrste halten.

Darüber hinaus sage ich nicht nur, daß dies wahr ist - wovon später ausführlicher an Hand der Schrift gesprochen werden soll - sondern auch, daß es gottesfürchtig, fromm und notwendig ist, das zu wissen. Wenn man davon nämlich nichts weiß, kann weder der Glaube noch irgendein Gottesdienst bestehen. Denn das heißt wahrhaft von Gott nichts wissen, bei welcher Unwissenheit das Seelenheil nicht bestehen kann, wie bekannt ist. Wenn Du nämlich daran zweifelst oder es verachtest zu wissen, daß Gott alles, nicht zufällig, sondern mit Notwendigkeit und unwandelbar vorherweiß und will, wie wirst Du seinen Verheißungen glauben, ihnen fest vertrauen und dich darauf stützen können? Denn wenn er etwas zusagt, mußt Du sicher sein, daß er zu erfüllen weiß, kann und will, was er verspricht. Sonst wirst Du ihn nicht für wahrhaftig noch zuverlässig erachten, welches ist Unglaube, höchste Gottlosigkeit und Verleugnung des allerhöchsten Gottes.

Wie kannst Du aber gewiß und sicher sein, wenn Du nicht weißt, daß er gewiß und unfehlbar und unwandelbar und zwangsläufig weiß und will und tun wird, was er verspricht? Und nicht allein sicher müssen wir sein, daß Gott zwangsnotwendig und unwandelbar das will und tun wird, sondern uns auch dessen rühmen, wie Paulus Röm., 3, 4: Es bleibt aber dabei, daß Gott wahrhaftig ist und alle Menschen Lügner. Und wiederum (Röm. 4, 21): nicht, daß Gottes Wort fehlgehen könne. Und an anderer Stelle (2. Tim. 2, 19): Der Grund Gottes steht fest und hat dies Siegel: Der Herr kennt die Seinen. Und Tit. 1, 2: Welches Gott, der nicht lügt, versprochen hat vor den Zeiten der Welt. Und Hebr, 11, 6: Wer zu Gott kommen will, muß glauben, daß Gott sei und denen, die auf ihn hoffen, ein Vergelter sein werde.

Daher wird da der christliche Glaube geradezu ausgetilgt, die Verheißungen Gottes und das ganze Evangelium stürzt gänzlich ein, wenn wir gelehrt werden und glauben, wir brauchten nichts zu wissen von dem zwangsnotwendigen Vorherwissen Gottes und von der Notwendigkeit dessen, was geschehen wird. Denn dies ist der Christen einziger und höchster Trost in allen Widerwärtigkeiten, zu wissen, daß Gott nicht lügt, sondern unwandelbar alles vollführt, und daß seinem Willen weder Widerstand geleistet, noch daß er geändert oder gehemmt werden kann.

Du siehst nun, Erasmus, wohin uns diese Deine so überaus zurückhaltende, so überaus friedliebende Theologie hinführt. Du wehrst uns und verbietest uns, darum uns zu bemühen, das Vorherwissen Gottes und die Notwendigkeit an den Dingen und Menschen zu lernen, sondern rätst uns, derartiges hinter uns zu lassen, zu vermeiden und zu verachten. Mit Deinen unüberlegten Bemühungen lehrst Du uns zugleich, danach zu streben, von Gott nichts zu wissen (was doch von allein kommt und uns auch angeboren ist) den Glauben zu verachten, die Verheißungen Gottes zu verlassen, alle Tröstungen des Geistes und Gewißheit des Gewissens für nichts zu achten. Das würde selbst Epikur kaum vorschreiben.

Darüber hinaus, damit noch nicht zufrieden, nennst Du unfromm, neugierig und nichtig den, der sich bemüht, solches zu lernen und vielmehr den gottesfürchtig, fromm und vernünftig, der es verachtet. Was führst Du mit diesen Worten also anderes im Schilde, als daß die Christen neugierig, nichtig und unfromm sind, als daß das Christentum eine Sache ganz ohne jeden Wert ist, nichtig, töricht und völlig unfromm? So geschieht es abermals, daß Du, Während Du von Unbesonnenheit kräftig abschrecken willst, nach Art der Toren bis auf die Gegenseite fortgerissen, nichts lehrst außer den höchsten Unbesonnenheiten, Gottlosigkeiten und Schlechtigkeiten, Empfindest Du hieran nicht, daß Dein Buch so unfromm, gotteslästerlich und verrucht ist, daß es nirgendwo seinesgleichen hat?

Ich sage das nicht von Deinem Herzen, wie ich schon ausgeführt habe. Denn ich halte Dich nicht für so schlecht, daß Du dies von Herzen Iehren oder getan sehen willst, sondern sage dies, um Dir zu zeigen, wie große Abscheulichkeiten unklug herauszuschwatzen man gezwungen wird, wenn man eine schlechte Sache zu vertreten unternimmt. Und dann, was es bedeutet, sich in Gottes Angelegenheiten und Schrift zu drängen, wenn wir anderen zu Gefallen eine Rolle übernehmen und gegen unser Gewissen einem fremden Schauspiel dienen. Es ist kein Spiel und keine Kleinigkeit, die heilige Schrift und Frömmigkeit zu lehren. Zu leicht stößt einem hier nämlich jener Fall zu, von dem Jakobus sagt: Wer in einem anstößt, der ist an allem schuldig (Jak. 2, 10). So geschieht es nämlich, daß wir, während es scheint, daß wir nur mäßig tändeln wollen und die heilige Schrift nicht genügend ehrfürchtig behandeln, alsbald in Gottlosigkeiten uns verwickeln und in Gotteslästerungen eintauchen. So ist es Dir hier gegangen, Erasmus. Der Herr verzeihe Dir und erbarme sich Deiner.

Im dritten Abschnitt (Deiner Vorrede) gibst Du uns eine andere Art von Rat, der auch nicht gescheiter ist als die vorher behandelten zwei: es sei offenbar, daß es gewisse Dinge von solcher Beschaffenheit gäbe, daß es nicht zuträglich wäre - wenn sie auch wahr seien und man sie wissen könne - sie vor aller Ohren vorzutragen- Auch hier vermengst und vermischst Du wiederum alles nach deiner Gewohnheit, so daß Du das Heilige dem Profanen gleichstellst, ohne jeden Unterschied. Wieder bist Du in Verachtung und Unrecht der Schrift und Gott gegenüber geraten. Ich habe oben schon gesagt, daß das, was in der Heiligen Schrift überliefert oder bewiesen wird, nicht nur klar verständlich sondern auch zum Heil gehörig ist, so daß es ohne Gefahr bekannt gemacht, gelernt und gewußt werden kann, ja vielmehr muß. So ist es falsch, wenn Du sagst, daß es nicht allen Ohren vorgetragen werden kann, d. h. wenn Du von dein sprichst, was in der Schrift enthalten ist. Wenn Du aber von anderen Dingen sprichst, so geht uns das nichts an und Du hast nichts zur Sache gesprochen, sondern mit Deinen Worten Papier und Zeit verloren.

Worauf bezieht es sich, wenn Du meinst, daß bestimmte Dinge nicht allgemein behandelt werden dürfen? Zählst Du etwa die Frage des freien Willens zu ihnen? Dann wird sich gegen Dich wieder das alles wenden, was ich oben über die Notwendigkeit, den freien Willen kennen zu lernen, gesagt habe. Weiter, warum folgst Du nicht Deiner eigenen Forderung und unterläßt Deine Diatribe? Wenn Du aber gut daran tust, den freien Willen zu behandeln, warum schiltst Du? Wenn es schlecht ist, warum tust Du es? Wenn Du den freien Willen jedoch nicht zu diesen Stücken zählst, so weichst Du indessen wiederum dem Stand der Frage aus und behandelst als wortreicher Redner nicht zur Sache redend fremde Dinge.

Hier ziehst Du einige Vergleiche heran, welche Du reichlich zur Verfügung zu haben und geschickt zu verwenden den Eindruck hervorrufen willst: es gäbe nämlich Krankheiten, wie den Aussatz usw., bei welchen es das kleinere Übel wäre, sie zu ertragen, als sie zu vertreiben. Ebenso fügst Du das Beispiel des Paulus hinzu, welcher unterscheide zwischen dem, was erlaubt und dem, was nützlich sei (1. Kor. 6, 12; 10, 23). Es ist erlaubt, sagst Du, die Wahrheit zu reden, aber sie ist nicht bei allen, noch zu aller Zeit, noch auf alle Weise nützlich. Welch ein wortreicher Redner! Trotzdem begreifst Du nichts von dem, was Du redest. In Summa, Du behandelst diese Sache so, als ob es zwischen Dir und mir um das Risiko einer wieder zu beschaffenden Geldsumme gehe, oder um irgendeine andere Sache von ganz geringer Bedeutung, durch deren Verlust (da sie ja so viel weniger wert ist als der äußere Friede) sich niemand so bewegen lassen dürfe, daß er nicht nachgebe und handle, wie es die Umstände gestatten, und daß es nicht notwendig sei, deswegen die Welt so in Unruhe zu versetzen. Ganz offensichtlich gibst Du also zu verstehen, daß jener Friede und die Ruhe des Reiches weit wichtiger scheint als der Glaube, als das Gewissen, als die Seligkeit, als das Wort Gottes, als die Ehre Christi, als Gott selbst. Deshalb sage ich Dir und bitte Dich, Dir das ganz fest ins Herz zu schreiben, daß es mir in dieser Frage um. eine ernsthafte, notwendige und ewige Sache gellt, so groß und so wichtig, daß sie auch unter Dahingabe des Lebens behauptet und verteidigt werden muß, und wenn die ganze Welt darob nicht nur in Unfriede und Aufruhr versetzt, sondern auch ganz in ein einziges Chaos zusammengestürzt und vernichtet werden sollte. Und wenn Du das nicht begreifst und wenn das auf Dich keinen Eindruck macht, so kümmere Dich um Deine Sachen und laß jene es begreifen und anrühren, denen Gott es gegeben hat.

Denn ich bin auch nicht, Gott sei Dank, so töricht und unvernünftig, daß ich um des Geldes willen, das ich weder besitze noch wünsche, oder um der Ehre willen, die ich, wenn ich gleich wollte, in dieser uns so feindseligen Welt nicht erlangen könnte, oder um des leiblichen Lebens willen, dessen ich in keinem Augenblick gewiß sein kann, diese Sache mit so großem Mut, mit so großer Ausdauer - welche Du Hartnäckigkeit nennst - durch so viel Lebensgefahren, so viel Haß, so viel Nachstellungen, kurz, durch die Wut der Menschen und Teufel hindurch so lange führen und aufrechterhalten möchte. Oder meinst Du, daß Du allein ein Herz habest, welches durch diesen Aufruhr schmerzlich bewegt wird? Wir sind auch nicht aus Stein oder aus dem Marpesischen Felsen geboren. Aber, wenn es nun einmal nicht anders sein kann, ziehen wir es vor, im Unfrieden dieser Zeit zerstoßen zu werden, fröhlich in der Gnade Gottes, um. des Wortes Gottes willen, das mit unüberwindlichem und nicht zu zerstörendem Male fest behauptet werden muß, als daß wir in ewigem Unfrieden unter dem Zorn Gottes durch unerträgliche Qualen zerrieben werden- Christus möge geben, wie ich wünsche und DER GLAUBE MUSS BEWAHRT BLEIBEN hoffe, daß Dein Herz nicht so beschaffen sei; Deine Worte lauten bestimmt so, als ob Du Gottes Wort und das zukünftige Leben für Fabeln hältst. Denn durch Deinen Rat willst Du uns veranlassen, um der Päpste und Fürsten oder dieses äußeren Friedens willen das ganz gewisse Wort Gottes je nach Gelegenheit aufzugeben und ihnen nachzugeben. Wenn es aber aufgegeben ist, so geben wir Gott, den Glauben, die Seligkeit und alles Christentum auf. Um wie viel richtiger ermahnt uns Christus (Matth. 16, 26), lieber die ganze Welt zu verachten !

Du kannst derartiges nur sagen, weil Du nicht liest oder beobachtest, daß es das immerwährende Los des Wortes Gottes ist, daß seinetwegen die Welt in Unruhe versetzt wird. Das versichert auch öffentlich Christus: Ich bin nicht gekommen, sagt er, Frieden zu senden, sondern das Schwert (Matth, 10, 34), Und bei Lukas: Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Förden (Luk. 12, 49), Und Paulus 2, Kor. 6, 5: Unter Aufruhr usw. Auch der Prophet bezeugt das ausreichend im 2. Psalm, indem er versichert, daß die Heiden in Aufruhr sind, daß die Völker murren, daß die Könige sich auflehnen, daß die Herren miteinander ratschlagen gegen den Herrn und seinen Gesalbten (Ps, 2, 1f), so als ob er sagen will: die Menge, die Größe, der Reichtum, die Macht, die Weisheit, die Gerechtigkeit und was in der Welt sonst erhaben ist, widersetzt sich dem Wort Gottes. Sieh in der Apostelgeschichte, was alles in der Welt geschieht wegen der Predigt des einen Paulus allein (um von den anderen Aposteln zu schweigen). Wie bringt jener eine Mann sowohl die Juden wie die Heiden in Erregung, so daß er - wie ebenda die bringt. Unter Elia wurde das Reich Israel in Unruhe gebracht, wie König Ahab klagt. Wie groß war der Aufruhr zur Zeit der anderen Propheten? Da sie alle gesteinigt und getötet werden, da Israel gefangen nach Assyrien geführt wird, ebenso wie Juda nach Babylonien. War das etwa Friede? Die Welt und ihr Gott können weder noch wollen sie das Wort des wahren Gottes ertragen. Der wahre Gott aber kann weder noch will er dazu schweigen. Was kann, wenn diese beiden Götter miteinander in Kampf liegen, anderes als Aufruhr in der ganzen Welt sein?

Diesen Aufruhr beschwichtigen zu wollen, bedeutet also nichts anderes, als das Wort Gottes beseitigen und verbieten. Denn das Wort Gottes kommt, um die Welt zu wandeln und zu erneuern, so oft es kommt. (Aber selbst die heidnischen Schriftsteller bezeugen, daß Wandlungen der Dinge nicht ohne Bewegung und Aufruhr, ja sogar nicht ohne Blutvergießen geschehen können. Der Christen Aufgabe ist es, dies unerschrockenen Herzens zu erwarten und zu tragen, so wie Christus sagt (Matth. 24, 6): Wenn ihr hören werdet Krieg und Kriegsgeschrei, erschreckt nicht, das muß zuerst geschehen, aber es ist noch nicht sogleich das Ende da. Und wenn ich nicht diese Unruhen sähe, würde ich sagen, das Wort Gottes sei nicht in der Welt. Jetzt, da ich es sehe, freue ich mich von Herzen und achte sie gering, da ich ganz sicher bin, daß das Reich des Papstes mit dem, was ihm anhängt, zusammenstürzen wird. Denn darauf hat das Wort Gottes, das jetzt durch die Welt läuft, es ganz vornehmlich abgesehen. Ich sehe gar wohl, lieber Erasmus, daß Du Dich in vielen Büchern über diese Unruhen, über den Verlust des Friedens und der Eintracht beklagst. Weiterhin versuchst Du viele Heilmittel, mit guter Absicht wie ich meinerseits glaube, aber diese Krankheit lacht Deiner heilenden Hände. Denn mit dem, was Du sagst, schwimmst Du hier wahrlich gegen den Strom, ja löschst ein Feuer mit Stroh. Höre auf zu klagen, höre auf zu heilen, dieser Aufruhr ist aus Gott entstanden und angerichtet, er wird nicht aufhören, als bis er alle Feinde des Wortes dem Kot der Straßen gleichgemacht hat (2. Sam. 22, 43; Ps. 18, 43). Allerdings ist es beklagenswert, daß es nötig ist, einen so großen Theologen wie Dich wie einen Schüler an diese Dinge zu erinnern, der Du ein Lehrer der anderen sein müßtest!

Dahin also will Dein so feiner Sinnspruch hinaus, daß gewiß Krankheiten besser ertragen als beseitigt würden. Aber Du wendest ihn nicht richtig an. Du solltest sagen, jene besser zu ertragenden Krankheiten seien jene Unruhen, Bewegungen, Verwirrungen, Aufstände, Spaltungen, Zwistigkeiten, Kriege und dergleichen, durch welche um des Wortes Gottes willen die ganze Welt erschüttert wird und feindlich aneinander gerät. Das, meine ich, kann man besser vertragen, weil es zeitliche Übel sind, als die alten und bösen Unsitten, durch welche mit Notwendigkeit alle Seelen umkommen, wenn sie nicht durch das Wort Gottes gewandelt werden. Wenn das aufgehoben wird, werden die ewigen Güter, Gott, Christus, der Geist hinweggenommen. Um wieviel aber besser ist es, die Welt dahinzugehen, als Gott, den Schöpfer der Welt, der unzählige Welten von neuem schaffen kann und der besser ist als zahllose Welten? Denn wie ist ein Vergleich zwischen Zeitlichem und Ewigem möglich? Dieser Aussatz der zeitlichen Übel ist also besser zu ertragen, als daß alle Seelen vernichtet und ewig verdammt würden und der Welt vor diesen Unruhen, diesem Blutvergießen und Verderben Frieden geschafft würde und sie von ihnen verschont bliebe, da eine einzige Seele um den Preis der ganzen Welt nicht erkauft werden kann. Du hast schöne und hervorragende Gleichnisse und Sinnsprüche. Aber wenn Du heilige Dinge behandelst, wendest Du sie kindisch, ja vielmehr verkehrt an, denn du kriechst am Boden hin und denkst nicht über die menschliche Fassungskraft hinaus. Denn weder ist kindisch noch bleibt in der bürgerlichen oder menschlichen Sphäre, was Gott wirkt, sondern es ist göttlich und übersteigt die menschliche Fassungskraft. So wie Du zum Beispiel hier nicht siehst, daß diese Unruhen und Spaltungen auf Gottes Ratschluß und sein Handeln hin hier in der Welt um sich greifen und fürchtest, daß der Himmel einfallen könnte. Ich sehe das aber, Gott sei Dank, sehr wohl, weil ich andere, größere in der zukünftigen Welt sehe, mit denen verglichen diese wie ein sanftes Säuseln des Windes zu sein scheinen oder wie ein leichtes Murmeln des Wassers.

Auch dieser Teil Deines Rates bzw. Abhilfevorschlages taugt nichts, da Du sagst: Es ist gestattet, die Wahrheit zu sagen, aber sie nützt nicht bei jedermann, noch zu jederlei Zeit, noch auf jederlei Weise. Und reichlich unpassend führst Du Paulus an, wo er (1. Kor. 10, 23) sagt: Es ist mir alles erlaubt, aber es ist nicht alles nützlich. Denn Paulus redet hier nicht von der Lehre oder von der Wahrheit, die gelehrt werden muß, so wie Du seine Worte durcheinanderbringst und nach Deinem Belieben deutest, da er vielmehr will, daß die Wahrheit überall, zu jeder Zeit und auf jede Weise gesagt werde, so daß er sich sogar freut, daß Christus als Vorwand und aus Neid gepredigt wird (Phil. 1, 15), und öffentlich durch sein eigenes Wort bezeugt, daß er sich freue, auf welche Weise auch immer Christus gepredigt werde (Phil. 1, 18). Paulus redet (1. Kor. 10) von der tätigen Ausübung der Lehre, nämlich von denen, die sich der christlichen Freiheit rühmen, welche das ihre suchen, aber das Ärgernis und den Anstoß der Schwachen nicht in Anschlag bringen. Die Wahrheit und die Lehre muß immer Öffentlich, beständig gepredigt werden, sie darf nicht gebeugt oder verheimlicht werden, weil in ihr kein Ärgernis ist, denn sie ist ein gerades Zepter (Ps. 45, 7).

Wenn wir Dich schon bäten, eine Entscheidung zu treffen, wann, wem und auf welche Weise die Wahrheit gesagt werden kann, wann würdest Du das festsetzen? Eher wird diese Zeit aufhören und die Welt ihr Ende finden, als daß du eine sichere Regel aufgestellt hast. Wo bleibt inzwischen das Lehramt? Wo die Seelen, die belehrt werden müssen? Und wie vermöchtest Du es, der Du keine begründete Ansicht hast, weder in Bezug auf die Personen noch auf die Zeiten noch auf die Art und Weise? Und wenn Du sie hervorragend besäßest, hättest Du dennoch die Herzen der Menschen nicht erkannt. Es sei denn, daß dies für Dich die Art und Weise, dies die Zeit, dies die Person sei, daß wir die Wahrheit so lehrten, daß der Papst nicht unwillig werde, daß der Kaiser nicht zürne, daß die Bischöfe und Fürsten nicht erregt würden, daß keine Unruhen und Bewegungen in der Welt ausbrächen, daß nicht viele Anstoß nähmen und dadurch schlimmer würden. Was das für ein Rat wäre, hast Du oben gesehen. Aber es gefiel Dir nun einmal, mit unnützen Worten rhetorische Künste zu treiben, damit Du ja etwas sagtest.

Wie sehr also sollten wir elenden Menschen Gott, der die Herzen aller Menschen kennt, diesen Ruhm zuerkennen, daß er selbst die Weise, die Personen und die Zeiten vorschreibe, die Wahrheit zu verkünden. Denn er weiß am besten, was, wann, auf welche Weise und wem sie gesagt werden muß. Nun hat er es aber so angeordnet, daß seinem Evangelium, das für alle heilsnotwendig ist, kein Ort und keine Zeit vorgeschrieben würde, sondern daß es bei allen, zu jeder Zeit und an jedem Ort gepredigt würde. Und oben habe ich bewiesen, daß alles, was in der Schrift geschrieben steht, so beschaffen ist, daß es allen verständlich, notwendig bekannt zu machen und heilsam ist. Denen, welche nicht wollen, daß die Seelen erlöst werden, wie der Papst und die Seinen, sei es überlassen, das Wort Gottes zu binden, und die Menschen vom Leben und vom Himmelreich fernzuhalten, damit sie selbst nicht hineinkommen und auch andere nicht eintreten lassen (Matth. 23, 13), Deren maßlosem Beginnen dienst Du, Erasmus, mit Deinem Ratschlag auf gefährliche Weise. Um dieselbe Weisheit handelt es sich, wenn Du sodann den Rat gibst, man dürfe es nicht öffentlich bekannt machen, wenn auf den Konzilien etwas irrtümlich beschlossen worden sei, damit nicht Veranlassung gegeben würde, das Ansehen der Väter herabzusetzen. Das gerade hat der Papst durch Dich sagen lassen wollen und das hört er lieber als das Evangelium. Es wäre sehr undankbar, wenn er Dich nicht seinerseits durch einen Kardinalshut mit den entsprechenden Einkünften ehrte. Doch, Erasmus, was sollen derweil die Gewissen tun, welche durch jenen unrechten Beschluß gebunden und getötet sind? Interessiert Dich das nicht? Du bist zwar fortwährend der Ansicht, oder gibst vor, es zu sein, daß menschliche Satzungen ohne Gefahr neben dem lauteren Wort Gottes beobachtet werden können. Wenn sie das könnten, würde ich mich leicht dieser Deiner Meinung anschließen können. Wenn Du es also nicht weißt (wie den durch den unrechten Beschluß in ihrem Gewissen gebundenen Menschen geholfen werden soll) sage ich's noch einmal: menschliche Satzungen können nicht zusammen mit dem Wort Gottes eingehalten werden Denn jene binden die Gewissen, dieses macht sie frei, und sie kämpfen gegeneinander, wie Wasser und Feuer falls die menschlichen Satzungen nicht freiwillig, das heißt als nicht bindend eingehalten werden. Das ist es, was der Papst nicht will noch wollen kann, wenn er nicht will daß seine Herrschaft verloren und zu Ende sei, die nur durch die Bande und Fesseln um die Gewissen besteht, welche das Evangelium für frei erklärt. Darum ist die Autorität der Väter für nichts zu achten, und sind die irrtümlich beschlossenen Entscheidungen, wie es ja alle ohne und außerhalb des Wortes Gottes gefällten sind, zu zerreißen und zu verwerfen. Denn Christus gilt mehr als die Autorität der Vater. In Summa: Wenn Du über das Wort Gottes so urteilst, so urteilst Du gottlos; wenn Du aber über anderes ein Urteil abgibst, so geht uns die wortreiche Disputation Deines Ratschlages nichts an. Wir reden vom Worte Gottes.

Im letzten Teil der Vorrede willst Du uns ernsthaft von dieser Art zu lehren abschrecken und meinst beinahe, der Sieg sei für Dich errungen. Was (das sagst Du) gibt es Unnützeres, als diesen Widersinn aller Welt vorzutragen, daß, was auch immer von uns getan wird, nicht aus freiem Willen sondern auf Grund reiner Notwendigkeit getan werde ebenso wie jenes Wort Augustins: Gott wirke das Gute und das Böse in uns, er belohne seine eigenen guten Taten in uns und bestrafe seine eigenen schlechten Taten in uns. Reich bist Du hier im Rechenschaft geben oder besser gesagt Rechenschaft fordern. Wie weiten Raum zur Gottlosigkeit (das sagst Du) würde dies Wort der großen Menge eröffnen, wenn es sterblichen Menschen bekanntgemacht würde? Welcher Böse würde sein Leben bessern: Wer würde sich von Gott geliebt glauben? Wer würde gegen sein Fleisch ankämpfen?

Ich wundere mich, daß Du in so großer Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit nicht auch des Streitgegenstandes gedenkst und sagst; Wo wird denn der freie Wille bleiben? Lieber Erasmus, darauf antworte ich noch einmal: Wenn Du diese angeblichen Widersinnigkeiten für von Menschen erfunden hältst, was strengst Du Dich an? Was regst Du Dich auf? Gegen wen schreibst Du? Oder gibt es heutzutage irgend jemand auf der Welt, der heftiger Menschenlehren verfolgt hat als Luther? Darum geht mich Deine Ermahnung nichts an. Wenn Du aber glaubst, daß diese scheinbaren Widersinnigkeiten Gottes Wort sind, wo ist da Deine ehrbare Miene? Wo Dein Schamgefühl? Wo, ich sage zwar nicht jene bekannte Bescheidenheit des Erasmus, sondern die Gott wahrhaft geschuldete Furcht und Ehrfurcht? Da Du sagst, es könne nichts Unnützeres gesagt werden als dies Wort Gottes? Versteht sich, Dein Schöpfer soll von Dir, seinem Geschöpf, lernen, was nützlich und unnütz zu predigen sei, und jener törichte und unweise Gott soll bisher nicht gewußt haben, was gelehrt werden soll, bis Du, sein Lehrer, ihm das Maß der Einsicht und des Gebietens vorschriebest, so als ob er selbst nicht gewußt hätte, wenn Du es ihn nicht gelehrt hättest, daß sich aus jenem Widersinn das ergebe, was Du folgerst.

Wenn also Gott gewollt hat, daß diese Dinge Öffentlich gesagt und vorgetragen werden, und daß man auf das, was sich daraus ergebe, nicht blicken solle, wer bist Du, daß Du es verbieten willst? Der Apostel Paulus behandelt im Brief an die Römer dasselbe nicht im Winkel, sondern öffentlich und vor aller Welt mit größtem Freimut und noch härteren Worten ausführlich, wenn er sagt (Röm. 9, 18): Welche er will, die verstockt er, und wiederum (Röm. 9, 22): Gott wollte seinen Zorn kund tun usw. Was gibt es Härteres (aber nur für das Fleisch) als jene Wort Christi (Matth. 20, 16): Viele sind berufen, wenige sind auserwählt? Und wiederum (Joh. 13, 18): Ich weiß, welche ich erwählt habe. Es versteht sich, wenn man Dich als Vorbild nimmt, daß all dies derartig beschaffen ist, daß nichts Unnützeres gesagt werden kann, weil dadurch offenbar gottlose Menschen zur Verzweiflung und zur Gotteslästerung hingeführt werden.

Hier hältst Du es, wie ich sehe, für richtig, daß die Wahrheit und die Nützlichkeit der Schrift soll beurteilt und ermessen werden nach dem Gutdünken der Menschen, auch der ganz gottlosen, so daß, was ihnen gefallen hat oder erträglich erschienen ist, erst dann wahr, göttlich und heilsam ist, was aber nicht, sogleich unnütz, falsch und gefährlich- Was bewerkstelligst Du mit diesem Ratschlag anderes, als daß die Worte Gottes vom Ermessen und der maßgebenden Entscheidung der Menschen abhängen, mit ihnen stehen und fallen? Während doch die Schrift das Entgegengesetzte sagt, daß alles mit dem Willen und der Entscheidung Gottes stellt und fällt und daß vor dem Angesicht Gottes die ganze Erde stille sein soll (Hab. 2, 20). So wie Du müßte der sprechen, der sich einbildete, daß der lebendige Gott nichts anderes sei als irgendein leichtfertiger und törichter Schwätzer, der auf irgendeinem Rednerpodium einen Vortrag hält und dessen Worte man, wenn man wollte, in beliebiger Hinsicht auslegen, annehmen und ablehnen könnte, je nach dem Maße, in dem man sieht, daß jene gottlosen Menschen davon bewegt oder beeindruckt werden.

Hier gibst Du deutlich zu erkennen, lieber Erasmus, aus welcher inneren Haltung heraus Du oben geraten hast, daß man die Majestät der göttlichen Entscheidungen verehren müsse. Denn als es sich dort um die Lehren der Schrift handelte und es keineswegs nötig war, Verstecktes und Verborgenes zu verehren, weil es dort so etwas nicht gibt, da bedrohtest Du uns in reichlich frommen Worten mit den koryzischen Grotten, auf daß wir nicht neugierig in sie eindrängen, so daß Du uns furchtsam beinahe vom Lesen der ganzen Schrift abschrecktest, die zu lesen doch Christus (Joh, 5, 39) und die Apostel so sehr drängen und zureden, und Du selbst auch an anderer Stelle.

Hier aber, wo man nicht zu den Lehren der Schrift oder zur koryzischen Grotte allein, sondern wahrhaft zu den verehrungswürdigen Geheimnissen der göttlichen Majestät gelangt ist, nämlich zur Frage, warum Gott so handelt, wie es (von ihm in der Schrift) gesagt ist, da durchbrichst Du alle Schranken und stürzt hinein, beinahe Gott lästernd. Welchen Unwillen bezeugst Du nicht gegen Gott, weil er die Absicht und den Grund für sein so beschaffenes Urteil nicht sehen läßt? Warum nimmst Du nicht auch hier die Dunkelheiten und Rätsel zum Vorwand? Warum hältst Du Dich nicht selbst davon zurück und schreckst nicht andere, Jenen Dingen nachzugehen, die uns nach Gottes Willen verborgen sein sollten, und die er in der Schrift nicht offenbart hat? Hier muß man den Finger vor den Mund halten, die verborgenen Ratschlüsse der göttlichen Majestät anbeten und mit Paulus (Röm. 9. 20) ausrufen- lieber Mensch, wer bist Du. daß Du mit Gott rechten willst

Wer, sagst Du, wird sich ernstlich bemühen, sein Leben zu bessern? Darauf antworte ich: Kein einziger Mensch. Und keiner wird auch (von sich aus) dazu imstande sein denn Deine sogenannten Verbesserer, die ohne den Geist Gottes sind, interessieren Gott gar nicht, weil sie Heuchler sind Die Auserwählten und die Frommen aber werden durch den heiligen Geist gebessert werden, die übrigen werden ungebessert zu Grunde gehen. Denn Augustin sagt nämlich auch nicht, daß keines oder aller Menschen gute Werke belohnt werden, sondern: einiger, so daß es nicht gar keiner sein wird, der sein Leben besserte.

Wer wird glauben, sagst Du, dass er von Gott geliebt werde? Darauf antworte ich: kein einziger Mensch wird es glauben, und keiner wird auch (von sich aus) dazu imstande sein. Die Auserwählten aber werden es glauben die übrigen werden ohne zu glauben untergehen, zornig und Gott lästernd, so wie Du es hier tust. Deshalb wird es nicht gar keiner sein, der es glaubte. Was aber nun das betrifft, daß durch diese Lehren der Gottlosigkeit Raum eröffnet wird so sei es so. Jene mögen zu dem Aussatz gehören. von dem oben gesagt wurde, daß er das zu ertragende (geringere) Übel sei. Nichtsdestoweniger wird gleichzeitig durch dieselben Lehren für die Frommen und Auserwählten die Pforte zur Gerechtigkeit und der Eingang zum Himmel und der Weg zu Gott eröffnet. Wenn wir nach Deinem Rat uns jener Lehren enthielten und den Menschen dieses Wort Gottes verborgen hielten, so daß ein jeder, durch falsche Vorspiegelung vom Heil getäuscht, Gott nicht lernte zu fürchten und sich zu demütigen, damit er durch die Furcht schließlich zur Gnade und Liebe gelangte, so hätten wir zwar die von Dir beanstandete Öffnung schön geschlossen, dafür an ihrer Stelle aber uns und allen Menschen Tore mit zwei Flügeln, ja sogar Schlünde und Abgründe, nicht nur zur Gottlosigkeit, sondern zu den Tiefen der Hölle eröffnet. Derart kämen wir seihst nicht in den Himmel und hinderten außerdem andere, in ihn einzugehen.

Welchen Nutzen aber bringt es und welche Notwendigkeit besteht (sagst Du), derartiges allgemein zu verbreiten, da so viele Übel daraus hervorzugehen scheinen? Darauf antworte ich: es müßte eigentlich genügen zu sagen: Gott hat gewollt, daß es allgemein verbreitet werde. Nach der Begründung für den göttlichen Willens Entschluß dürfen wir nicht fragen, sondern müssen ihn schlicht anbeten und Gott die Ehre geben, welcher, da er allein gerecht und weise ist, niemand Unrecht tun und töricht und ohne Grund etwas ordnen kann, selbst wenn es uns ganz anders scheinen möchte. Und mit dieser Antwort sind die Frommen zufrieden. Dennoch, um im Überfluß Rechenschaft zu geben: zwei Ursachen fordern die Predigt dieser Lehren. Die erste ist die Demütigung unseres Hochmutes, und die Erkenntnis der Gnade Gottes, die andere der christliche Glaube selbst.

Erstens: Gott verheißt den Demütigen, das heißt denen, die an sich verzweifelt sind und sich aufgegeben haben, mit Bestimmtheit seine Gnade. Ganz und gar aber kann sich kein Mensch eher demütigen, bis daß er weiß, daß seine Seligkeit vollständig außerhalb seiner Kräfte, Absichten, Bemühungen, seines Willens und seiner Werke gänzlich von dem Belieben, Beschluß, Willen und der Tat eines anderen, nämlich Gottes allein, abhänge. Wenn er nämlich im Vertrauen auf sich selbst bleibt - und das tut er so lange wie er sich einbildet, er vermöge auch noch so wenig für seine Seligkeit zu tun - und nicht von Grund auf an sich verzweifelt, so demütigt er sich deswegen nicht vor Gott, sondern vermutet oder hofft oder wünscht wenigstens Gelegenheit, Zeit oder irgendein gutes Werk, dadurch er dennoch zur Seligkeit gelange. Wer aber wirklich nicht daran zweifelt, daß alles vom Willen Gottes abhänge, der verzweifelt völlig an sich selbst, wählt nichts eigenes, sondern erwartet den alles wirkenden Gott. Der ist am nächsten der Gnade und der Seligkeit. Deshalb werden um der Auserwählten willen diese Lehren gepredigt, damit sie - auf diese Weise gedemütigt und zunichte geworden - selig werden. Die übrigen widerstehen dieser Demütigung, ja sie verurteilen sogar diese Verkündigung der Verzweiflung an sich selbst, sie wollen, daß ihnen wenigstens ein ganz klein wenig übrig gelassen werde, das sie selbst vollbringen können. Das ist, sage ich, der eine Grund: daß die Frommen die Verheißung der Gnade in Demut erkennen, anrufen und empfangen.

Der andere Grund ist, daß der Glaube es mit den unsichtbaren Dingen zu tun hat (Hebr. 11, 1). Damit also dem Glauben Raum gegeben werde, ist es notwendig, daß alles was geglaubt wird, sich unsichtbar mache. Er kann sich aber nicht gründlicher unsichtbar machen als unter dem Gegensatz zur Empfindung und Erfahrung, wie er hier vorliegt. So zum Beispiel: wenn Gott lebendig macht, tut er das, indem er tötet, wenn er gerecht macht, tut er das, indem er schuldig macht, wenn er in den Himmel bringt, tut er das, indem er zur Hölle führt, so wie die Schrift sagt (1. Sam. 2, 6): Der Herr tötet und macht lebendig, führt in die Hölle und wieder heraus. (Von diesen Dingen ausführlicher zu reden ist jetzt nicht der Ort, die unsere Bücher gelesen haben, denen sind sie ganz vertraut). So verbirgt er seine ewige Güte und Barmherzigkeit unter ewigem Zorn, Gerechtigkeit unter Ungerechtigkeit. Hier liegt die höchste Stufe des Glaubens vor: zu glauben, daß er gnädig ist, der so wenige rettet und so viele verdammt, zu glauben, daß er gerecht ist, der durch seinen eigenen Willen uns notwendig verdammenswert macht, so daß es scheint, wie Erasmus sagt, daß er an den Qualen der Unglücklichen Gefallen habe und mehr Haß als Liehe verdiene. Wenn ich also auf irgendeine Weise verstehen könnte, wie dieser Gott barmherzig und gerecht sein kann, der so viel Zorn und Ungerechtigkeit an den Tag legt, wäre der Glaube nicht nötig. Jetzt, da es nicht begriffen werden kann, wird Raum, den Glauben zu entfalten, indem solches gepredigt und allgemein bekannt gemacht wird, ganz wie, wenn Gott tötet, der Glaube an das Leben, im Tode geübt wird. Davon sei jetzt in der Vorrede genug gesagt.

Die andere angebliche Widersinnigkeit: Was von uns getan wird, geschieht nicht aus freiem Willen, sondern aus reiner Notwendigkeit, wollen wir kurz betrachten, damit wir es nicht hingehen lassen, daß sie als sehr gefährlich bezeichnet wird. Hier sage ich so: Sobald das bewiesen ist, daß unsere Seligkeit außerhalb unserer Kräfte und Beschlüsse vom Wirken des alleinigen Gottes abhängt, was ich unten im Hauptteil der Untersuchung unumstößlich darzutun hoffe, folgt dann nicht klar, daß alles böse ist, was wir tun, wenn Gott mit seinem Wirken in uns nicht zugegen ist, und daß wir notwendig so zu handeln pflegen, daß es nichts für die Seligkeit wert ist? Wenn nämlich nicht wir, sondern Gott die Seligkeit in uns wirkt, so ist nichts heilsam, was wir vor seinem Wirken tun, ob wir wollen oder nicht.

Umgekehrt, wenn Gott in uns wirkt, will und handelt andererseits der durch den Geist Gottes gewandelte und freundlich eingeblasene Wille wiederum aus reiner Lust und Neigung, so daß er durch nichts Entgegengesetztes in etwas anderes verwandelt werden, ja nicht einmal durch die Pforten der Hölle besiegt oder gezwungen werden kann. Sondern er fährt fort das Gute zu wollen, gern zu haben und zu lieben, so wie er vorher das Böse wollte, gern hatte und liebte- Das beweist wiederum die Erfahrung, Denn wie unüberwindlich und standhaft sind die heiligen Männer, während sie mit Gewalt zu anderem gezwungen werden sollen. Ja, sie werden dadurch noch mehr zum Wollen angespornt, so wie das Feuer vom Wind mehr angefacht als ausgelöscht wird. So daß auch hier nicht irgendeine Freiheit oder ein freier Wille, sich anders wohin zu wenden oder anders zu wollen existiert, solange der Geist und die Gnade Gottes im Menschen andauert.

In Summa, wenn wir unter dem Gott dieser Welt sind, ohne die Einwirkung und den Geist des wahren Gottes, worden wir gefangen gehalten (Eph. 2, 2f) nach seinem Willen, wie Paulus zu Timotheus sagt (2. Tim. 2, 26), so daß wir nur wollen können, was er selbst will. Denn er ist der starke Gewappnete (Luk. 11, 21), der sein Haus so bewahrt, daß sich ruhig halten alle, die er besitzt, damit sie nicht irgendeine Erregung oder Empfindung gegen ihn hervorrufen. Sonst bliebe das Reich des Satans, in sich zerteilt, nicht bestehen, während doch Christus versichert, daß es bestehen bleibe. Und das tun wir willig und gern, entsprechend der Natur des Willens, der kein Wille mehr wäre, wenn er gezwungen würde. Denn Zwang ist vielmehr (um das so auszudrücken) Nichtwille. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt, ihn besiegt und uns als seine Beute raubt, so werden wir umgekehrt durch dessen Geist Sklaven und Gefangene (was dennoch eine königliche Freiheit bedeutet), so daß wir gern wollen und tun, was er selbst will.

So ist der menschliche Wille in die Mitte gestellt (zwischen Gott und Satan) wie ein Zugtier. Wenn Gott sich darauf gesetzt hat, will er und geht, wohin Gott will, wie der Psalm (75, 22f) sagt: Ich bin wie ein Tier geworden und ich bin immer bei dir. Wenn Satan sich darauf gesetzt hat, will und geht er, wohin Satan will. Und es steht nicht in seiner freien Entscheidung, zu einem von beiden Reitern zu laufen oder ihn sich zu verschaffen zu suchen, sondern die Reiter selbst kämpfen miteinander, ihn zu erlangen und zu besitzen.

Was nun, wenn. ich aus Deinen eigenen Worten, mit welchen Du den freien Willen behauptest, beweisen werde, daß es keinen freien Willen gibt? So daß ich unwiderleglich dartun werde, daß Du, ohne es zu wissen, verneinst, was Du mit so großer Klugheit behaupten willst. Fürwahr, wenn ich das nicht tun werde, schwöre ich, daß alles widerrufen sein soll, was ich gegen Dich in diesem Buch schreibe, und bestätigt, was gegen mich Deine Diatribe sowohl behauptet wie zu erlangen sucht. Du veranschlagst die Kraft des freien Willens sehr klein und so beschaffen, daß sie ohne die Gnade Gottes geradezu unwirksam ist. Gibst Du das nicht zu? Ich frage Dich nunmehr und bitte um Antwort: wenn die Gnade Gottes fehlt oder von jener so kleinen Kraft getrennt wird, was kann sie (die Kraft des freien Willens) selbst tun ? Unwirksam (sagst Du) ist sie und wirkt nichts Gutes. Also wird der freie Wille nichts tun, was Gott oder seine Gnade will, weil wir angenommen haben, daß die Gnade Gottes von ihm getrennt ist. Was aber die Gnade Gottes nicht tut, ist nicht gut. Daraus folgt, daß der freie Wille ohne die Gnade Gottes wahrlich nicht frei, sondern unwandelbar ein Gefangener und Sklave des Bösen ist, daß er sich nicht von allein zum Guten hinwenden kann.

Wenn dies feststellt, gestalte ich Dir, daß Du die Kraft des freien Willens nicht nur für sehr klein hältst, mache sie meinetwegen engelgleich, mache sie, wenn Du kannst, vollkommen göttlich, wenn Du nur diesen traurigen Anhang hinzufügst, daß Du sie, ohne die Gnade Gottes, als unwirksam bezeichnest. Dann hast Du ihm sogleich alle Kraft genommen. Denn was ist eine unwirksame Kraft, wenn nicht überhaupt keine Kraft? Zu sagen, es gebe einen freien Willen und er besitze eine bestimmte, aber unwirksame Kraft, bedeutet daher das, was die Sophisten einen Widerspruch in sich selbst (oppositum in adiecto) nennen, gleich als wenn Du sagtest: der freie Wille ist etwas, was nicht frei ist, ebenso wenn Du das Feuer als kalt und die Erde als heiß bezeichnetest. Möge das Feuer durchaus die Kraft der Hitze, selbst der höllischen Hitze besitzen, wenn es nicht brennt und nicht versengt, sondern vielmehr kalt ist und kalt macht, soll es für mich nicht ein mal Feuer und noch weniger heiß genannt werden, es sei denn, daß man etwas Gemaltes oder Eingebildetes auch für Feuer halten will.

Jedoch wenn wir das als Kraft des freien Willens bezeichnen sollen, wodurch der Mensch befähigt wird, vom Geist Gottes ergriffen und mit seiner Gnade erfüllt zu werden, als der zum ewigen Leben oder Tod erschaffen ist, so wäre das richtig gesagt. Diese Kraft nämlich, das heißt Fähigkeit, bekennen auch wir. Daß sie nicht den Bäumen und auch nicht den Tieren beigelegt ist, wer weiß das nicht? Denn Gott hat nicht, wie man zu sagen pflegt, für die Gänse den Himmel geschaffen. Fest steht also, auch durch Dein eigenes Zeugnis, daß wir alles aus Notwendigkeit tun und nichts aus freiem Willen, da die Kraft des freien Willens nichts ist, und nichts wirkt und nichts Gutes vermag, wenn die Gnade fehlt. Es sei denn, daß Du Wirksamkeit mit neuer Bedeutung als vollkommenes Vollbringen auffassen willst, gleichsam als ob der freie Wille etwas anfangen und wollen, aber nur nicht vollbringen könne. Aber das glaube ich nicht, und werde später ausführlicher über diesen Gegenstand reden.

Daraus folgt nun, daß der freie Wille ein völlig göttlicher Ehrenname ist und keinem anderen zustehen kann, denn allein der göttlichen Majestät. Sie nämlich kann und tut (wie Psalm 115, 3 sagt) alles, was sie will, im Himmel und auf Erden. Wenn dieser Titel Menschen beigelegt wird, so geschieht das mit nicht mehr Recht, als wenn ihnen auch die Gottheit selbst zuerkannt würde. Größer als diese Gotteslästerung kann aber keine sein. Deshalb hätten die Theologen sich dieses Wortes (freier Wille) enthalten, wenn sie von menschlichem Vermögen sprechen wollten, und es allein Gott überlassen sollen. Weiter hätten sie es aus dem Mund und dem Sprachgebrauch der Menschen entfernen und es gleichsam als einen heiligen und ehrwürdigen Titel für ihren Gott in Anspruch nehmen sollen. Und wenn sie überhaupt irgendein Vermögen den Menschen zuerkennen wollten, hätten sie lehren sollen, daß man es mit einem anderen Wort als freier Wille benennen müsse, zumal es uns bekannt ist und wir wahrnehmen, daß mit diesem Wort das Volk elend betrogen und auf Abwege geführt wird, da es etwas ganz anderes in diesem Wort hört und sich vorstellt, als die Theologen darunter verstehen und in ihren Erörterungen gebrauchen.

Denn das ist ein allzu prächtiges, umfassendes und inhaltsreiches Wort: freier Wille, von welchem das Volk (so wie es auch die Bedeutung und die Natur des Wortes fordert) glaubt, daß damit jene Kraft bezeichnet werde, welche sich frei nach beiden Seilen wenden kann und weder irgend jemand weichen muß noch unterworfen ist. Wenn es jedoch wüßte, daß sich das ganz anders verhält, und daß es ein ganz winziges Etwas, kaum wie ein Fünklein bedeutet, und daß auch das ganz unwirksam ist für sich allein, gefangen und dienstbar dem Teufel, so wäre es verwunderlich, wenn sie uns nicht steinigten, als so große Spötter und Betrüger, die wir anders reden und etwas ganz anderes damit bezeichnen, während sogar nicht einmal feststeht oder Übereinkunft erreicht ist darüber, was wir damit bezeichnen sollen. Wer nämlich sophistisch redet, sagt der Weise (Sprüche Sal. 6, 17) ist hassenswert, am meisten, wenn er das in Glaubensdingen tut, wo für das ewige Heil Gefahr besteht. Da wir also die Bedeutung und die Sache eines so ruhmreichen Wortes außer Acht gelassen, ja niemals besessen haben, warum behalten wir ein leeres Wort so hartnäckig bei, zur Gefährdung und Täuschung des gläubigen Volkes?

Das ist keine andere Weisheit als die, mit der jetzt Könige und Fürsten die leeren Herrschaftstitel von Königreichen und Gebieten beibehalten, für sich in Anspruch nehmen und sich damit rühmen, während sie indessen beinahe Bettler sind und nichts weniger als diese Reiche und Gebiete besitzen. Das ist freilich erträglich, da sie niemand täuschen oder betrügen, sondern nur sich selbst mit Prahlereien füttern, vollkommen ohne eigenen Gewinn. Jedoch hier handelt es sich um Gefährdung des Heils und allerschädlichste Täuschung. Wer würde nicht jenen unpassenden Worteveränderer verlachen oder vielmehr unausstehlich finden, der wider den Sprachgebrauch aller eine derartige Redeweise einzuführen versuchte, daß er den Bettler reich nannte, nicht weil er irgendwelches Besitztum hätte, sondern weil vielleicht irgendein König ihm seine eigenen schenken könnte. Ebenso, wenn er einen Todkranken als vollkommen gesund bezeichnete, allerdings nur deshalb, weil ein anderer ihm seine Gesundheit geben könnte. Also, wenn er einen ganz ungelehrten, einfältigen Menschen sehr gelehrt nannte, weil irgend ein anderer ihm vielleicht Gelehrsamkeit geben könnte. Ebenso klingt es auch hier: der Mensch hat einen freien Willen, freilich unter der Bedingung, daß Gott ihm seinen geben würde. Bei diesem Mißbrauch der Sprache konnte jeder beliebige sich einer jeden beliebigen Sache rühmen, wie z. B.: jener ist Herr des Himmels und der Erde, (d. h. wenn Gott ihm das geben würde). 'Aber das schickt sich nicht für Theologen, sondern für Schauspieler und Betrüger. Unsere Worte müssen zuverlässig, ohne Vorbehalt und besonnen sein, und, wie Paulus sagt, gesund und untadelig (Tit. 2, 8). Wenn wir nun überhaupt dieses Wort (freier Wille) nicht aufgeben wollen, was am sichersten und frömmsten wäre, sollten wir lehren, es doch bis dahin gewissenhaft zu gebrauchen: daß dem Menschen ein freier Wille nicht im Bezug auf die Dinge eingeräumt sei, die höher sind als er, sondern nur in Bezug auf das, was so viel niedriger ist als er, d. h. daß er weiß, er, habe in Bezug auf seine zeitlichen Geldmittel und Besitztümer das Recht, etwas zu gebrauchen, zu tun, zu lassen nach freiem Ermessen (obwohl auch dies durch den freien Willen Gottes allein gelenkt wird, wohin immer es ihm gefällt). Im übrigen hat er gegenüber Gott, oder in den Dingen, welche Seligkeit oder Verdammnis angehen, keinen freien Willen, sondern ist gefangen, unterworfen, verknechtet entweder dem Willen Gottes oder dem Willen des Satans. Das habe ich von den Hauptabschnitten Deiner Vorrede gesagt, die auch selbst fast den ganzen Streitgegenstand umfassen, beinahe mehr als der folgende Hauptteil des Buches. Dennoch ist ihr eigentlicher Inhalt so beschaffen gewesen, daß er mit diesem kurzen Doppelsatz hätte erledigt werden können: Entweder sucht Deine Vorrede Worte Gottes zu ergründen oder aber Menschenworte. Erforscht sie Menschenworte, so ist sie ganz umsonst geschrieben und geht uns nichts an, wenn aber Worte Gottes, so ist sie ganz gottlos. Daher wäre es nützlicher gewesen, wenn darüber gesprochen worden wäre, ob es Worte Gottes oder der Menschen seien, über die wir Disputieren.

Dieweil aber Paulus gebietet, den unnützen Schwätzern das Maul zu stopfen (Tit, 1, 11), wollen wir die Streitfrage selbst in Angriff nehmen, und in der Reihenfolge, welche die Diatribe einhält, die Sache behandeln, so daß wir zunächst die Argumente widerlegen, welche für den freien Willen beigebracht werden, alsdann verteidigen, was von den unseren bestritten wird und schließlich gegen den freien Willen für die Gnade Gottes kämpfen.

Zuerst wollen wir, wie es richtig ist, bei der Definition selbst beginnen, mit welcher Du den freien Willen folgendermaßen definierst: Weiter verstehen wir hier unter dem freien Willen das Vermögen des menschlichen Willens, durch das der Mensch sich dem anpassen oder von dem abwenden kann, was zum ewigen Heil führt. Weise, wahrlich, wird von Dir die Definition ohne Zusatz hingestellt und keiner ihrer Teile erklärt (wie es doch die Gepflogenheit anderer ist), denn Du hast vielleicht nicht bloß einen Schiffbruch gefürchtet.

Dir scheint die Ansicht derer hart zu sein, aber doch recht annehmbar, die da verneinen, daß der Mensch ohne besondere Gnade das Gute wollen könne, die da verneinen, daß er anfangen könne, verneinen, daß er fortschreiten, vollenden könne usw.; diese Ansicht läßt Du deshalb gelten, weil sie dein Menschen das Bemühen und Versuchen, aber nichts beläßt, was er seinen eigenen Kräften zu- schreiben könnte. Härter ist Dir die Ansicht derer, die behaupten, der freie Wille sei nur imstande zu sündigen, die Gnade allein wirke in uns das Gute usw. Am härtesten jedoch scheint Dir die Ansicht jener, welche sagen, daß der freie Wille eine leere Bezeichnung sei, sondern daß Gott vielmehr sowohl das Gute wie das Böse in uns wirke, und daß alles, was geschehe aus reiner Notwendigkeit vor sich gehe. Gegen diese Zuletztgenannten richtet sich Deine Schrift, wie Du bekennst.

Weißt Du auch, was Du redest, lieber Erasmus? Du unterscheidest hier drei Meinungen, als ob sie zu drei Richtungen gehörten, weil Du nicht merkst, daß es dieselbe Sache ist, die einmal mit diesen, das andere Mal mit jenen Worten auf verschiedene Weise von uns erörtert wird, die wir dieselben und einer Richtung Lehrer sind.

Doch wir wollen Dich unterweisen und Dir die Schläfrigkeit bzw. Stumpfheit Deines Urteils zeigen. Ich frage Dich, wie paßt die oben von Dir gegebene Definition des freien Willens zu dieser ersten Dir recht annehmbar scheinenden Meinung? Du hast nämlich gesagt, der freie Wille sei das Vermögen des menschlichen Willens, durch das sich der Mensch zum Guten hinwenden kann. Hier aber behauptest Du und billigst die Behauptung, daß der Mensch ohne die Gnade nicht das Gute wollen kann. Die Definition bejaht, was ihre zweite Formulierung verneint, und man findet in Deinem freien Willen zugleich Ja und Nein, so daß Du uns zugleich sowohl zustimmst wie verdammst, wie Du auch Dich selbst verdammst und billigst in ein und demselben Lehrsatz und Artikel. Oder meinst Du, es sei nicht etwas Gutes, sich zu dem hinzuwenden, das zum ewigen Heil gehört, wie es Deine Definition dem freien Willen zuerkennt? Denn die Gnade ist überhaupt nicht nötig, wenn so viel Gutes im freien Willen wäre, daß er dadurch sich selbst zum. Guten wenden könnte. Darum ist etwas anderes der freie Wille, den Du definierst, und etwas anderes der freie Wille, den Du verteidigst. Und es hat nun Erasmus zwei freie Willen, die vor den übrigen und einander selbst geradezu entgegengesetzt sind.

Doch wir wollen das fallen lassen, was die Definition ersonnen hat, und das betrachten, was an Gegenteiligem die Meinung selbst vorträgt. Du gibst zu, daß der Mensch ohne besondere Gnade nicht das Gute wollen kann (denn wir erörtern jetzt nicht, was die Gnade Gottes vermag, sondern was der Mensch ohne die Gnade vermag). Du gibst also zu, daß der freie Wille nicht das Gute wollen kann; das bedeutet nichts anderes, als daß er sich nicht zu dem hinwenden kann, was zum ewigen Heil gehört, wie Deine Definition lautet. Kurz vorher sagst Du sogar, der menschliche Wille sei nach dem Sündenfall so verderbt, daß er, nachdem er die Freiheit verloren habe, gezwungen werde, der Sünde zu dienen, und sich nicht zu einer Besserung seiner selbst zurückwenden könne. Ich meine, hier stehe dem Proteus gar kein Ausweg mehr offen; mit klar zu Tage liegenden Worten wird er gefangen gehalten, daß nämlich der Wille nach Verlust seiner Freiheit gezwungen und gehalten werde in der Knechtschaft der Sünde. 0 du ungewöhnlich freier Wille, den Erasmus selbst nach Verlust seiner Freiheit als der Sünde verknechtet bezeichnet! Wenn Luther dies sagen würde, so hatte man nichts Törichteres gehört, so könnte nichts Unnützeres als dieser Widersinn verbreitet werden, so daß man sogar Diatriben gegen ihn schreiben müßte.

So ist die erste Meinung beschaffen, wenn man sie mit sich selbst vergleicht: sie verneint, daß der Mensch etwas Gutes wollen könne und wenn ihm auch ein Streben belassen werde, sei es dennoch auch nicht sein eigen. Laßt uns nun diese Meinung mit den übrigen zwei vergleichen! Die andere nämlich ist jene härtere, die da urteilt, der freie Wille sei zu nichts fähig außer zum Sündigen, Dies aber ist die Meinung Augustins, wie er sie an vielen anderen Stellen äußert, insbesondere jedoch in, seiner Schrift Über den Geist und den Buchstaben, wenn ich nicht irre, im vierten oder fünften Kapitel, wo er gerade jene Worte gebraucht.

Jene dritte, härteste Meinung ist diejenige Wiclifs und Luthers selbst, daß der freie Wille eine leere Bezeichnung sei und daß alles, was geschehe, aus reiner Notwendigkeit erfolge. Mit diesen beiden liegt die Diatribe im Kampf. Hier sage ich: vielleicht können wir nicht genug Latein oder Deutsch, daß wir die Sache selbst nicht haben vollständig vortragen können. Aber ich rufe Gott zum Zeugen an, ich habe nichts anderes sagen, noch etwas anderes unter der Formulierung der beiden zuletztgenannten Ansichten verstanden wissen wollen, als das, was in der ersten Meinung gesagt ist. Ich glaube auch nicht, daß Augustin etwas anderes gewollt hat, noch ersehe ich etwas anderes aus seinen eigenen Worten, als was die erste Meinung aussagt, so daß die drei von der Diatribe aufgezählten Meinungen (zusammen) bei mir nichts anderes ergeben, als eben jene meine einzige Ansicht. Nachdem nämlich zugestanden und begriffen ist, daß der freie Wille, nachdem er die Freiheit verloren hat, unter die Knechtschaft der Sünde gezwungen worden ist und gar nichts Gutes wollen könne, so kann ich aus diesen Worten nichts anderes entnehmen, als daß der freie Wille ein leeres Wörtchen ist. Eine verlorene Freiheit nennt meine Sprachlehre keine Freiheit; dem aber die Bezeichnung der Freiheit beilegen, das keine Freiheit hat, bedeutet ein leeres Wort beilegen. Wenn ich hier irre, so widerlege mich, wer es vermag. Wenn das dunkel und schwankend ist, so helle es auf und halte es aufrecht, wer da kann; ich kann die verlorene Gesundheit nicht Gesundheit nennen, und, falls ich sie einem Kranken zuerkannt habe, glaube ich nicht, ihm etwas anderes zuerkannt zu haben, denn eine leere Bezeichnung.

Aber die ungereimten Worte mögen sich fortscheren, Wer kann diesen Mißbrauch der Rede ertragen, daß wir gleichzeitig sagen wollen, der Mensch habe einen freien Willen und zugleich behaupten möchten, er sei, nachdem er die Freiheit verloren habe, unter die Knechtschaft der Sünde gezwungen und könne nichts Gutes wollen? Das widerstreitet dem allgemeinen Verständnis und hebt überhaupt den Sprachgebrauch auf. Man sollte vielmehr die Diatribe anklagen, die wie im Schlafe ihre Worte daherlallt und auf fremde nicht achthat. Denn, sage ich, sie überlegt nicht, was es bedeutet und welches Gewicht es hat zu sagen: der Mensch hat die Freiheit verloren, wird gezwungen, der Sünde zu dienen und kann überhaupt nichts Gutes wollen. Wenn sie nämlich wach wäre und acht hätte, würde sie vollkommen eingehen, daß der Inhalt der drei Meinungen, welche sie zu voneinander verschiedenen und einander widerstreitenden macht, ein und derselbe ist. Denn wer die Freiheit verloren hat und gezwungen wird, der Sünde zu dienen, und nichts Gutes wollen kann, was wird folgerichtiger von ihm angenommen, als daß er mit Zwangsnotwendigkeit sündige oder das Böse wolle?

Wir kommen jetzt zum Neuen Testament, wo wiederum eine Fülle von befehlenden Worten für jene elende Knechtschaft des freien Willens in Schlachtordnung aufgestellt wird und die Hilfstruppen der fleischlichen Vernunft herbeigerufen werden, nämlich die Folgerungen und Gleichnisse, so als ob Du gemalt oder im Traume den König der Fliegen umgeben von strohenen Lanzen und Schilden aus Heu gegen eine wirkliche und richtige Schlachtreihe von Kriegsmännern antreten sähest. So streiten die menschlichen Träume der Diatribe wider die Heerhaufen der göttlichen Worte.

Zweierlei ist hier zu sagen: nämlich etwas über die Gebote des Neuen Testamentes, sodann etwas über das Verdienst. Beides wollen wir kurz erledigen, da wir anderswo ausführlicher darüber gesprochen haben. Das Neue Testament besteht recht eigentlich aus Verheißungen und Ermahnungen, so wie das Alte Testament recht eigentlich aus Gesetzen und Drohungen besteht. Denn im Neuen Testament wird das Evangelium gepredigt, was nichts anderes ist als eine Anrede, in welcher der Geist und die Gnade zur Vergebung der Sünden angeboten werden, die durch Christus den Gekreuzigten für uns erlangt ist, und zwar ganz umsonst und allein auf Grund der Barmherzigkeit Gottes des Vaters, welche sie uns schenkt, die wir unwürdig sind und die Verdammnis eher verdienten als irgend etwas anderes. Darauf folgen Ermahnungen, welche diejenigen, die bereits gerechtfertigt sind und die Barmherzigkeit erlangt haben, aufrufen, daß sie tüchtig seien in den Früchten der geschenkten Gerechtigkeit des Geistes, die Liehe üben in guten Werken und standhaft das Kreuz und alle anderen. Drangsale der Welt ertragen. Das ist die Summe des ganzen Neuen Testaments. Daß von diesen Dingen die Diatribe nichts versteht, beweist sie ausreichend dadurch, daß sie nicht zwischen dem Alten und dem Neuen Testament zu unterscheiden weiß; denn auf jeder von beiden Seiten sieht sie fast nichts als Gesetze und Gebote, durch die die Menschen zu einem guten Lebenswandel herangebildet werden sollen. Was aber Wiedergeburt, Erneuerung, Neugeburt und die ganze Aufgabe des heiligen Geistes in Wirklichkeit ist, sieht sie überhaupt nicht, so daß es hier erstaunlich und verwunderlich ist, daß ein Mensch so gar nichts von der heiligen Schrift weiß, der so viel Zeit und Mühe an sie gewandt hat.

Es wäre nun aber wirklich allzu verdrießlich, die einzelnen Gebotsworte zu wiederholen, welche die Diatribe aus dem Neuen Testament aufzählt, daran fortwährend ihre Folgerungen knüpfend und fälschlich behauptend, es sei irreführend, trivial, lächerlich und nichtig, was dort gesagt werde, wenn nicht der menschliche Wille frei sei. Bis zum völligen Erbrechen haben wir nämlich schon lange gesagt, wie so gar nichts durch solche Worte erwiesen wird, und daß, wenn schon etwas bewiesen wird, der ganze freie Wille bewiesen wird. Was nichts anderes bedeutet, als daß ich die ganze Diatribe umgestürzt habe, die ja einen solchen freien Willen zu beweisen unternehmen wollte, der nichts Gutes vermöge und der Sünde diene und - unwissend und fortwährend sich selbst vergessend - einen solchen beweist, der alles vermag.

Und jenes Wort Johannes 1, 12: Er gab ihnen die Macht, Gottes Kinder zu werden, faßt die Diatribe folgendermaßen auf: Auf welche Weise kann ihnen die Macht gegeben werden, Kinder Gottes zu werden, wenn unser Wille keine Freiheit hat? Auch dieses Wort ist ein Hammer wider den freien Willen, wie es beinahe das ganze Evangelium des Johannes ist; dennoch wird es für den freien Willen angeführt. Laßt uns es doch bitte einmal ansehen! Johannes spricht nicht von irgendeinem Werk des Menschen, weder von einem großen noch von. einem kleinen, sondern von der Erneuerung selbst und der Umwandlung des alten Menschen, der ein Kind des Teufels ist, in einen neuen Menschen, der ein Kind Gottes ist. Hier verhält sich der Mensch rein passiv (wie man es bezeichnet), und tut auf keine Weise etwas, sondern wird völlig, d. h, läßt ganz an sich geschehen. Vom Werden nämlich spricht Johannes; er sagt, daß sie Kinder Gottes werden durch die uns geschenkte Kraft Gottes, nicht durch das Vermögen des uns eingepflanzten freien Willens.

Jedoch unsere Diatribe erschließt hieraus, daß der freie Wille so viel vermöge, daß er zu Kindern Gottes mache oder aber sie ist bereit zu erklären, daß das Wort des Johannes lächerlich und unwirksam ist. Wer aber hat jemals den freien Willen - zumal einen solchen, der das Gute nicht wollen kann, wie es die Diatribe annimmt - so hoch erhoben, daß er ihm das Vermögen, zu Kindern Gottes zu machen, zuerkannt hat? Doch dies mag mit den übrigen, so oft wiederholten Folgerungen hingehen, durch welche nichts bewiesen wird, und wenn, nur das, was die Diatribe verneint, nämlich, daß der freie Wille alles vermöge, Johannes aber will dies sagen: Dadurch, daß Christus durch das Evangelium in die Welt kommt, in welchem die Gnade angeboten, nicht aber ein Werk gefordert wird, wird allen Menschen die Möglichkeit geboten - eine fürwahr herrliche Möglichkeit - Gottes Söhne zu sein, wenn sie glauben wollen. So wie der freie Wille übrigens dieses Wollen, dieses Glauben an ihn niemals gekannt noch es vorher im Sinne gehabt hat, so vermag er es noch viel weniger aus eigenen Kräften- Denn auf welche Weise könnte die Vernunft bedenken, daß der Glaube an Jesus, den Gottes- und Menschensohn, notwendig sei, da sie es niemals begreift oder glauben kann, und wenn auch die ganze Schöpfung laut riefe, daß es eine Person gäbe, die zugleich Gott und Mensch sei? Sondern sie nimmt vielmehr an solcher Rede Anstoß, wie Paulus 1. Kor. 1, 23 sagt: So weit ist sie davon entfernt, daß sie glauben will oder glauben kann.

Darum verkündet Johannes den durch das Evangelium der Welt dargebotenen Reichtum des Reiches Gottes, nicht aber die Kräfte des freien Willens, zugleich darauf hindeutend, wie wenige es sind, die es annehmen - weil nämlich der freie Wille ihm widerstrebt, dessen Wesen kein anderes ist, als daß er, selbst vom Satan beherrscht, auch die Gnade und den Geist, der das Gesetz erfüllt, zurückweist. So ausgezeichnet ist sein Bemühen und Sein Eifer geeignet zur Erfüllung des Gesetzes. Wir werden aber unten ausführlich davon sprechen, was für ein Donnerschlag diese Stelle des Johannes wider den freien Willen ist. Es bewegt mich jedoch nicht wenig, daß so klare Worte, die so wirksam gegen den freien Willen sprechen, von der Diatribe für den freien Willen angeführt werden, von der Diatribe, deren Gefühllosigkeit so groß ist, daß sie überhaupt nicht zwischen den Worten der Verheißung und des Gesetzes unterscheiden kann, welche nicht bloß auf Grund der Worte des Gesetzes auf das Ungereimteste den freien Willen behauptet, sondern auch ihn völlig widersinnig durch die Worte der Verheißung bestätigen möchte. Aber dieser Unsinn wird leicht erklärt, wenn man bedenkt, wie innerlich unbeteiligt und geringschätzig die Diatribe die Auseinandersetzung führt, welche es nicht interessiert, ob die Gnade stehe oder falle, der freie Wille liege darnieder oder stehe fest, sondern nur, daß mit selbstgefälligen Worten den Tyrannen gedient werde zum Nachteil der in Frage stehenden Sache- Danach gelangt man auch zu Paulus, dem beharrlichsten Gegner des freien Willens- Auch er wird gezwungen, Röm. 2, 4 den freien Willen zu behaupten: Oder verachtest Du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt Du nicht, daß seine Güte Dich zur Buße leitet? Auf welche Weise (sagt die Diatribe) wird die Verachtung des Gebotes in Anrechnung gebracht, wo kein freier Wille ist? Wie lädt Gott zur Buße ein, welcher der Urheber der Unbußfertigkeit ist? Wie ist eine Verdammung gerecht, wo der Richter zur Missetat zwingt?

Da antworte ich: Wegen dieser Fragen möge die Diatribe zusehen. Was gehen sie uns an? Denn sie selbst hat auf Grund der (ihr) annehmbar (scheinenden) Meinung gesagt, der freie Wille könne nicht das Gute wollen und werde notwendig unter die Knechtschaft der Sünde gezwungen. Alles das fällt auf das Haupt der Diatribe zurück, oder wenn es etwas beweist, so beweist es, wie ich ausgeführt habe, daß der freie Wille alles kann, was jedoch von ihr selbst und von allen anderen geleugnet wird. Jene Vernunftschlüsse plagen die Diatribe bei allen Sprüchen der Schrift, weil es (ihr) lächerlich und kraftlos erscheint, etwas anzugehen und mit so heftigen Worten zu fordern, wo keiner ist, der es zu leisten in der Lage wäre. Der Apostel dagegen tut es, verstellt sich, um durch jene Drohungen die Gottlosen und Hochmütigen zur Erkenntnis ihrer selbst und ihres Unvermögens zu führen, auf daß er die durch die Erkenntnis der Sünde Gedemütigten zur Gnade vorbereite.

Und was ist es überhaupt nötig, alles einzeln durchzuwehen, was aus Paulus angeführt wird? Sammelt die Diatribe doch nur befehlende oder bedingende Worte, oder solche, in welchen Paulus die Christen an die Früchte des Glaubens mahnt. Die Diatribe zwar gewinnt mit Hilfe ihrer hinzugefügten Folgerungen ein derartiges und so großes Vermögen des freien Willens, welcher ohne die Gnade alles kann, was Paulus ermahnend vorschreibt. Die Christen aber werden nicht durch den freien Willen, sondern durch den Geist Gottes getrieben, Röm. 8, 14. Getrieben werden ist aber nicht dasselbe wie treiben, sondern ohne Gegenwehr fortgeführt werden, wie die Säge oder die Axt vom Zimmermann in Bewegung gesetzt wird. Und auf daß niemand hier zweifle, daß Luther so törichte Dinge redet, führt die Diatribe seine Worte an, die ich wahrlich anerkenne. Denn ich gestehe, daß jener Artikel Wiclifs (daß alles aus Zwangsnotwendigkeit geschehe) fälschlich vom Winkelkonzil - oder besser gesagt der Verschwörung und dem Aufruhr - zu Konstanz verdammt ist. Ja sogar die Diatribe verteidigt mit mir zusammen diesen Artikel, wenn sie versichert, der freie Wille könne aus eigenen Kräften nichts Gutes wollen und diene mit Zwangsnotwendigkeit der Sünde, mag sie auch im Beweisgang allerdings das Gegenteil davon erklären.

Dies sei genug gegen den ersten Teil der Diatribe gesagt, in welchem versucht wurde, den freien Willen festzustellen. Laßt uns jetzt den folgenden Teil betrachten, in welchem unsere Lehre widerlegt wird, das heißt, die Argumente, durch welche der freie Wille aufgehoben wird. Hier wirst Du sehen, was menschlicher leerer Wind wider die Blitze und Donnerschläge Gottes vermag, nicht wenigstens ein bißchen von der Rhetorik verstände, bestände die Gefahr, daß er, gebrochen durch die so große vorgetäuschte Geringschätzung, völlig an der Streitfrage verzweifelte und die Siegespalme dem freien Willen noch vor Beginn der Auseinandersetzung zuerkannte. Aber ich als geringer Ersatzmann will mit jenen zwei Schriftstellen auch unsere Truppen aufzeigen, obwohl es da, wo ein solches Kriegsschicksal herrscht, daß ein einziger Zehntausend in die Flucht schlagen wird, keiner Truppen bedarf- Wenn nämlich ein einziger Spruch den freien Willen überwältigt haben wird, werden ihm seine zahllosen Truppen nichts genutzt haben.

Hier hat nun die Diatribe eine neue Kunst ausfindig gemacht, den offenkundigsten Sprüchen auszuweichen, nämlich: sie will, daß eine bildliche Bedeutung (auch) den einfachsten und klarsten Schriftworten innewohne. So, wie sie oben für den freien Willen eintretend allen befehlenden und bedingenden Worten des Gesetzes durch hinzugefügte Ableitungen und erdichtete Gleichnisse zu entgehen suchte, so dreht sie jetzt, da sie sich mit uns auseinandersetzen will, alle Worte der göttlichen Verheißung und Zusicherung durch die neu entdeckte bildliche Redeform, wohin es ihr gut dünkt, so daß von beiden Seiten her dieser Proteus unfaßbar ist. Ja, gerade das, fordert sie mit großem Hochmut, solle ihr von uns zugestanden werden.

Du siehst also hier, daß man nicht um den Text selbst und nicht mehr um die Ableitungen und Vergleichungen kämpft, sondern um die bildliche Redeweise und die Auslegungen. Wann also wird es dahin kommen, daß wir irgendeinen schlichten und reinen Text ohne bildliche Ausdeutung und Ableitungen für den freien Willen und gegen den freien Willen haben? Hat die Schrift nirgendwo solche Texte, und wird fortwährend die Sache des freien Willens zweifelhaft sein? So daß er durch keinen sicheren Text bekräftigt, sondern allein durch Ableitungen und bildliche Redeweisen, durch gegenseitig miteinander uneinige Leute eingeführt, hin und her bewegt wird wie das Rohr von den Winden. Wir möchten vielmehr dafür uns aussprechen, daß weder eine Ableitung noch eine bildliche Bedeutung bei irgendeiner Schriftstelle zugelassen werde, wenn nicht der eindeutige Zusammenhang der Worte das erzwingt und der Widersinn der vor Augen liegenden Sache, die gegen [irgendeinen Artikel des Glaubens verstößt. Sondern überall muß man sich der schlichten, reinen und natürlichen Bedeutung der Worte anschließen, wie sie die Grammatik und der Sprachgebrauch fordert, den Gott unter den Menschen geschaffen hat- Wenn nun es irgend einem erlaubt sein soll, nach seiner Willkür Ableitungen und Bildworte in der Schrift zu erdichten, was wird dann die ganze Schrift anderes sein, als ein vom Winde hin und her bewegtes Rohr? Dann Wird - gleich in welchem Glaubensartikel - fürwahr nichts Sicheres weder festgesetzt noch bewiesen werden können, mit dem Du nicht durch irgendeine Bildrede Deinen Spott treiben könntest. Man muß vielmehr jede Bildrede, welche die Schrift selber nicht erzwingt, meiden wie das allerkräftigste Gift.

Achte einmal darauf: Was ist jenem Allegoriker Origenes bei seiner Auslegung der Schrift zugestoßen ? Wie gute Angriffsmöglichkeiten bietet er dem Verleumder Porphyrius, so daß selbst dem Hieronymus die zu wenig zu erreichen scheinen, welche den Origenes verteidigen. Was ist den Arianern mit jener Bildrede begegnet, kraft welcher sie Christus zu einem sogenannten Gott machten? Wie ist es in unserer Zeit diesen neuen Propheten mit den Worten Christi ergangen: Dies ist mein Leib, wo der eine für das Fürwort dies, der andere für das Zeitwort ist, der dritte für das Hauptwort Leib eine bildliche Auslegung gegeben hat? Ich habe es beobachtet, daß alle Ketzereien und Irrtümer in der Schrift nicht aus der einfachen der ganzen WeIt immer wieder erzählt wird, sondern aus Vernachlässigung des einfachen Wortsinns, und aus Den aus dem eigenen Hirn künstlich erdichteten Bildreden und Ableitungen, Die Diatribe aber kümmert sich wahrhaft nicht um diesen einfachen Wortsinn, sondern bringt wirklich gewaltsam Bildreden und Ableitungen dazu. Und diese, die kein Philologe dulden würde, darf man bei den Theologen nicht gewaltsam und erkünstelt nennen, sondern sie gehören den bewährtesten Lehrern zu, die von so vielen Jahrhunderten anerkannt sind.

Aber es ist der Diatribe leicht, an dieser Stelle die Bildreden zuzulassen und ihnen zu folgen, da es ihr ja nichts bedeutet, ob gewiß oder ungewiß ist, was gesagt wird. Betreibt sie es doch, daß alles ungewiß ist, die sie dazu rät, man solle die Lehrpunkte den freien Willen betreffend eher beiseite lassen, als sie erforschen. Deswegen war ihr dies ausreichend, um gleich auf welche Weise die Sprüche beiseite zu schaffen, durch welche sie sich in die Enge getrieben fühlt. Wir aber denen es um eine ernste Sache geht, und die wir die ganz sichere Wahrheit suchen, um die Gewissen zu festigen, müssen ganz anders vorgehen. Uns, sage ich, ist es nicht ausreichend, wenn Du sagst: hier kann eine Bildrede vorliegen, sondern es wird gefragt, ob es sich hier um eine Bildrede handeln muß und kann. Wenn Du das nicht bewiesen hast, daß notwendig eine Bildrede darin enthalten ist, hast Du überhaupt nichts zu Stande gebracht.

Es steht hier (2. Mose 4, 21 u. ö.) das Wort Gottes: Ich will das Herz des Pharao verstocken. Wenn Du sagst, das sei so aufzufassen oder könne so aufgefaßt werden: Ich will zulassen, daß es verstockt wird, so höre ich zwar, daß es so aufgefaßt werden kann. Aber hier ist nicht Platz für eine solche Art von Beweis. Was willst Du mit einem Gewissen machen, das folgendermaßen fragt: Siehe, Gott, der Urheber, sagt: Ich will das Herz des Pharao verstocken. Eindeutig und allgemein bekannt ist die Bedeutung des Wortes versteckend Der Mensch aber, der Leser, sagt zu mir: verstocken heißt an dieser Stelle: die Gelegenheit zum Verstocken geben, weil der Sünder nicht sogleich zurechtgewiesen wird. Auf Grund welcher Autorität, auf Grund welcher Überlegung, auf Grund welcher Notwendigkeit wird mir jene natürliche Bedeutung des Wortes so verdreht? Wie, wenn der Leser und Ausleger sich irrt? Woher kann bewiesen werden, daß jene Verdrehung des Wortes an dieser Stelle stattfinden muß? Es ist gefährlich, ja gottlos, das Wort Gottes ohne Notwendigkeit und ohne eine dahinter stehende wirkliche Autorität in seiner Bedeutung zu wandeln. Oder willst Du dieses sich abmühende Seelchen dann so beraten: Origenes ist dieser Ansicht, oder so: höre auf, derartiges zu erforschen, da es vorwitzig und überflüssig ist? Denn jene Seele wird antworten: Dazu hättest Du Moses und Paulus erwähnen sollen, bevor sie schrieben, und ebenso sehr Gott selbst; denn was spielen sie uns mit vorwitzigen und überflüssigen Schriften so übel mit?

Es hilft also der Diatribe diese elende Ausflucht der Bildreden nicht, sondern hier müssen wir unseren Proteus energisch festhalten, daß er uns ganz vollkommene Gewißheit über die Bildrede dieses Wortes gebe, und zwar durch ganz klare Schriftgründe oder eindeutige Wunderwerke. Ihr selbst, die sich das einbildet, glauben wir nichts, und wenn auch alle Jahrhunderte ihr ausdrücklich zustimmten; sondern wir fahren fort, sie zu bedrängen, daß es sich hier um keine Bildrede handeln, könne, sondern daß die Rede Gottes ganz so unverändert verstanden werden müsse, wie die Worte lauten. Denn es steht nicht in unserem Belieben (wie die Diatribe sich einredet), das Wort Gottes nach unserer Willkür zurechtzustutzen und umzugestalten. Was bleibt andernfalls von der ganzen Schrift übrig, was nicht zur Philosophie des Anaxagoras zurückkehre, daß alles beliebige aus allem beliebigen werden kann? Wenn die Diatribe nicht beweisen kann, daß diesen unseren Sprüchen, die sie widerlegen will, eine Bildrede innewohne, wird sie gezwungen, uns zuzugestehen, daß die Worte so, wie sie lauten, hinzunehmen sind, auch wenn sie bewiese, daß anderswo eben diese Bildrede in allen Schriftworten und im Gebrauch aller ganz üblich sei. Und hiermit sind - an dem einen Beispiel ist es für alle geschehen - alle unsere Feststellungen verteidigt, welche die Diatribe widerlegen wollte, und es ist festgestellt, daß ihre Widerlegung überhaupt nichts ausrichtet, nichts vermag und nichts bedeutet.

Wenn sie also jenes Wort des Moses: Ich will das Herz des Pharao verstocken folgendermaßen auslegt: meine Milde, mit der ich den Sünder trage, führt zwar einige zur Buße, den Pharao aber macht sie verstockter in der Schlechtigkeit, so ist das zwar schön gesagt, aber es wird nicht bewiesen, daß man so sprechen muß (worauf es ankommt). Wir aber fordern mit Recht, unzufrieden mit dem Gesagten, den Beweis. Damit ich es mit einem Worte sage, hier fällt man wieder jener Zügellosigkeit der Auslegung anheim, daß kraft einer neuen und unerhörten Grammatik alles durcheinander gebracht wird, so daß, wenn Gott sagt: Ich werde das Herz des Pharao verstocken (2. Mose 4, 21 u. ö,), man die Personen ändert und das so auffaßt: Pharao verhärtet sich durch meine Milde. Gott verstockt unser Herz, d, h. wir selbst verstocken uns, weil Gott die Strafen aufschiebt: Du, Herr, hast uns in die Irre gehen lassen, weil Du uns nicht züchtigst. Auf diese Weise bedeutet das Wort das Erbarmen Gottes nicht mehr, daß er die Gnade schenkt oder Barmherzigkeit erweist, die Sünde vergibt, rechtfertigt, oder vom Übel erlöst, sondern es bedeutet im Gegenteil, daß er Böses zufügt und züchtigt. Aber obwohl wir mit Phantasten und Mummenschanz kämpfen, wollen auch wir eine Maske anlegen und uns das Unmögliche vorstellen, daß die Bildrede, von der die Diatribe träumt, an dieser Stelle gelte, damit wir sehen, wie sie entschlüpft, um nicht zur Bestätigung dessen gezwungen zu sein, daß alles allein durch den Willen Gottes ; geschieht, während wir tatsächlich unter der Zwangsnotwendigkeit stehen; und wir wollen sehen, auf welche Weise sie Gott entschuldigt, damit er nicht Urheber und Verschulden unserer Verstockung sei. Wenn es wahr ist, daß Gott dann verstocken soll, wenn er durch seine Milde duldet und nicht sofort straft, so bleibt immer noch beides bestehen: Zunächst einmal, daß der Mensch der Sünde zwangsnotwendig dient. Denn, sobald zugegeben ist, daß ! der freie Wille nichts Gutes wollen kann (wie es die : Diatribe annahm), so wird er durch die Milde des duldenden Gottes um nichts besser, sondern notwendig schlechter, wenn sich Gott nicht erbarmt und ihm. den Geist zusätzlich verleiht. Daher geschieht bis dahin alles von uns aus gesellen unter Zwangsnotwendigkeit.

Zum ändern, daß Gott ebenso grausam zu sein scheint, wenn er infolge seiner Milde duldet, wie man ihn auf Grund unserer Verkündigung erachtet, daß er uns bewußt durch seinen unerforschlichen Willen verstockt- Denn wenn er sieht, daß der freie Wille nichts Gutes wollen kann, und daß er durch die duldende Milde schlimmer wird, so ist Gott gerade infolge dieser Milde ganz grausam und scheint sich an unserm Elend zu ergötzen, während er ihm doch abhelfen könnte, wenn er wollte und es nicht zu dulden brauchte, wenn er wollte. Jedenfalls: wenn er nicht wollte, könnte er nicht duldsam sein. Denn wer kann ihn wider seinen Willen zwingen? Wenn also jener Wille fest besteht, ohne den nichts geschieht, und wenn zugestanden. ist, daß der freie Wille nichts Gutes wollen kann, so ist vergeblich gesagt, was geredet wird, Gott zu entschuldigen und den freien Willen zu beschuldigen- Immer nämlich sagt der freie Wille: Ich kann nicht, und Gott will nicht, was soll ich tun? Mag er sich immerhin meiner erbarmen, indem er mich heimsucht, so komme ich dadurch jedoch nicht vorwärts, sondern ich muß notwendig schlechter werden, wenn er mir nicht den heiligen Geist schenkt, Aber den schenkt er nicht. Er würde ihn aber schenken, wenn er wollte. Daß er ihn also nicht geben will, ist sicher.

Aber die angeführten Gleichnisse tragen nichts zur Sache bei, wenn es heißt: wie durch dieselbe Sonne der Schlamm hart und das Wachs flüssig wird, und durch denselben Regen das bebaute Land Früchte, das unbebaute Land Dornen hervorbringt, so werden durch dieselbe Milde Gottes die einen verstockt, die anderen bekehrt. Denn wir unterscheiden nicht zwei verschiedene Arten des freien Willens, von denen die eine wie Schlamm, die andere wie Wachs sei, oder die eine wie bebautes Land, die andere wie unbebautes, sondern wir reden von dem einen in allen Menschen gleich ohnmächtigen Willen, der nichts als Schlamm, nichts als unbebautes Land ist, da er ja nichts Gutes wollen kann. Darum, wie der Schlamm immer harter und das unbebaute Land immer dorniger wird, so wird auch der freie Wille immer schlechter ob nun die Milde der Sonne härter, ob nun das Unwetter des Regens flüssiger macht. Wenn also in allen Menschen ein auf ein und dieselbe Weise zu umschreibender und gleichmäßig ohnmächtiger freier Wille ist, so kann kein Grund angegeben werden, warum der eine zur Gnade gelangt und der andere nicht, wenn nichts anderes verkündigt wird, als die Milde des duldenden und die Strafe des sich erbarmenden Gottes. Denn alle Menschen ist der gleich umschriebene freie Wille angenommen worden: daß er nichts Gutes wollen könne. Dann erwählt Gott weder irgendeinen, noch bleibt irgendwie Raum für die Erwählung übrig, sondern es bleibt allein die Freiheit des Willens, welcher die Milde und den Zorn annimmt oder zurückweist. Wenn aber Gott des Vermögens und der Weisheit des Erwählens beraubt wird, was wird er anderes sein als ein Götzenbild des Zufalls, durch dessen Walten alles blindlings geschieht? Und schließlich wird man dahin kommen, daß die Menschen selig und verdammt werden, ohne daß Gott es weiß, da er ja nicht durch eine sichere Erwählung diejenigen geschieden hat, die selig und verdammt werden sollen, sondern es den Menschen überlassen hat, ob sie selig oder verdammt werden wollen, nachdem er allen die allgemeine duldende und verstockende Milde wie die züchtigende und strafende Barmherzigkeit angeboten hat. Er selbst ist inzwischen vielleicht zum Gastmahl bei den Aethiopiern gereist, wie Homer sagt.

Einen solchen Gott zeichnet uns auch Aristoteles, der da schläft, und seine Güte und Strafe gebrauchen und mißbrauchen läßt, wer da will. Und die Vernunft kann auch nicht anders über ihn urteilen, als hier die Diatribe tut. Denn wie sie selbst schnarcht und die göttlichen Dinge verachtet, so urteilt sie auch von Gott, daß er gleichsam schnarche, seine die Menschen erwählende, sondernde, den Geist spendende Weisheit, seinen Willen und seine Gegenwart hintangesetzt und den Menschen jene mühevolle und beschwerliche Aufgabe übertragen habe, seine Milde und seinen Zorn anzunehmen und zurückzuweisen. Dahin kommt es, wenn wir mit menschlicher Vernunft Gott messen und rechtfertigen wollen, wenn wir die Geheimnisse der Majestät nicht ehrfürchtig verehren, sondern in sie forschend eindringen, daß wir, von Scheinruhm erdrückt statt einer Entschuldigung tausend Gotteslästerungen von uns geben und unser selbst derweilen nicht eingedenk sowohl gegen Gott wie gegen uns selbst wie unsinnig schwätzen, während wir in großer Weisheit für Gott und uns sprechen wollen. Das Gleichnis von der Sonne und dem Regen taugt also hier nichts. Richtiger würde ein Christ das Gleichnis so gebrauchen, daß er Sonne und Regen das Evangelium nennt, wie es Ps. 19, 5 tut und der Brief an die Hebräer 6, 7 das bebaute Land aber die Auserwählten, das unbebaute die Verworfenen. Denn jene werden durch das Wort erbaut und besser; diese werden dadurch zu Fall gebracht und böser. Abgesehen davon ist der freie Wille an sich bei allen Menschen das Reich des Satans.

Laßt uns auch die Beweggründe für die Erdichtung der Bildrede an dieser Stelle betrachten. Es scheint unsinnig (sagt die Diatribe), daß Gott, der nicht allein gerecht, sondern auch gut ist, das Herz des Menschen verstocken soll um an jener Bosheit seine Macht ins Licht zu setzen. Darum nimmt sie auf Origenes Bezug, der zugibt, daß die Gelegenheit zur Verstockung von Gott gegeben sei, die Schuld jedoch Pharao beilegt. Überdies hat derselbe das angemerkt, daß der Herr gesagt hat: Eben hierzu habe ich Dich erweckt (2. Mose 9, 16) und nicht: Eben hierzu habe ich Dich gemacht. Sonst wäre Pharao nicht gottlos gewesen, wenn ihn Gott so geschaffen hätte, der alle seine Werke sah und sie waren sehr gut (1. Mos. 1, 31), Soweit jene (Diatribe).

Die Ungereimtheit ist also eine der Hauptursachen dafür, daß die Worte Moses und des Paulus nicht im schlichten Wortsinn verstanden werden sollen. Aber gegen welchen Glaubensartikel sündigt diese (angebliche) Ungereimtheit? Oder wer wird durch sie aufgebracht? Die menschliche Vernunft wird aufgebracht, welche, obwohl sie in allen Worten und Werken Gottes blind, taub, töricht, gottlos und gotteslästerlich ist, an dieser Stelle als Richterin über die Worte und Werke Gottes herangezogen wird. Mit derselben Begründung kannst Du alle Glaubensartikel beseitigen, daß es nämlich durch und durch ungereimt sei, und, wie Paulus sagt, eine Torheit den Heiden und ein Ärgernis den Juden (1. Kor. 1, 23), daß Gott Mensch sei, Sohn der Jungfrau, gekreuzigt, sitzend zur Rechten des Vaters. Es ist ungereimt (sage ich), solches zu glauben. Laßt uns darum zusammen mit den Arianern einige Bildreden erdichten, auf daß er nicht wahrer Mensch sei, sondern eine Scheingestalt, welche durch die Jungfrau, wie der Lichtstrahl durch das Glas, hindurchgegangen und gekreuzigt ist. So werden wir die Schrift vortrefflich auslegen.

Aber weder nützen doch die Bild reden, noch entgeht man mit ihnen der Ungereimtheit. Denn es bleibt ungereimt (wenn man die Vernunft zum Richter nimmt), daß jener gerechte und gute Gott vom freien Willen Unmögliches fordert. Ebenso, daß er, obwohl der freie Wille nicht das Gute wollen kann, und zwangsnotwendig der Sünde dient, es ihm dennoch als Schuld zurechnet. Ebenso, daß er, wenn er einem nicht den heiligen Geist verleiht, mit ihm um nichts milder oder gnädiger verfährt, als wenn er verstockt oder die Verstockung zuläßt. Dies, wird die Vernunft diktieren, kann einem guten und gnädigen Gott nicht zu gehören. Diese Dinge gehen zu sehr über ihre Fassungskraft hinaus, und sie kann sich auch nicht selbst gefangen geben, daß sie glaube, Gott sei gut, der so handle und urteile, sondern unter Ausschluß des Glaubens will sie fühlen, sehen und begreifen, auf welche Weise Gott gut und nicht grausam sei. Sie würde es aber dann begreifen, wenn man von Gott also reden könnte: Er verstockt niemand, er verdammt niemand, sondern er erbarmt sich aller, er macht alle selig, so daß unter Vernichtung der Hölle und Beseitigung der Todesfurcht keine zukünftige Strafe befürchtet werden müßte. Darum brennt sie darauf und bemüht sich, daß sie Gott entschuldige und rechtfertige, er sei gerecht und gut. Aber der Glaube und der Geist urteilen anders, die glauben, daß Gott gut sei, und wenn er auch alle Menschen verdürbe. Und was nützt es, wenn wir uns mit diesen Überlegungen abmühen, um die Schuld an der Verstockung dem freien Willen zuzuschreiben? Es mag der freie Wille in aller Welt und mit allen Kräften tun, was er kann, er wird dennoch keinen Fall zustande bringen, in welchem er entweder die Verstockung vermeiden kann, falls Gott nicht den heiligen Geist gibt. oder in welchem er die Barmherzigkeit verdient, wenn er seinen eigenen Kräften überlassen gewesen ist. Denn was verschlägt es, ob er verstockt wird oder ob er verdient, daß er verstockt werde, da die Verstockung zwangsnotwendig geschieht, so lange jenes Unvermögen vorliegt, durch welches er das Gute nicht wollen kann, wie die Diatribe selbst bezeugt?

Da also die Ungereimtheit durch diese Bildreden nicht aufgehoben wird, oder sich, wenn sie aufgehoben wird, noch größere Ungereimtheiten einstellen, und dem freien Willen alles zugewiesen wird, so laßt die unnützen und verführerischen Redefiguren sich fortscheren und laßt uns dem lauteren und schlichten Worte Gottes anhängen.

Der andere Beweggrund (für die Ansichten der Diatribe) ist der, daß das, was Gott geschaffen hat, sehr gut ist (1. Mose 1, 31) und Gott nicht gesagt hat: Ich habe Dich eben dazu gemacht, sondern: ich habe Dich eben dazu erweckt (2. Mose 9, 16).

Als erstes sagen wir, daß dies vor dem Fall des Menschen gesprochen ist, wo das, was Gott geschaffen hatte sehr gut war. Aber bald folgt im dritten Kapitel des l. Buches Mose, wie der Mensch böse geworden, von Gott verlassen und sich selbst überlassen ist. Von diesem derart verderbten Menschen sind alle Gottlosen geboren, auch Pharao, wie Paulus sagt: Wir waren alle von Natur Kinder des Zorns, gleich wie auch die anderen (Eph. 2,3). Gott hat also den Pharao gottlos erschaffen, das heißt, aus einem gottlosen und verderbten Samen, wie er in den Sprüchen Salomons sagt: Alles hat der Herr um seiner selbst willen gemacht, auch den Gottlosen für den bösen Tag (Sprüche 16, 4). Es folgt also nicht: Gott hat den Gottlosen geschaffen, darum ist er nicht gottlos. Wie nämlich kann er nicht gottlos sein, stammt er doch aus gottlosem Samen. So wie Psalm 51, 7 sagt: Siehe, in Sünden bin ich empfangen und Hiob 14, 4: Wer kann den, der aus unreinem Samen empfangen ist, rein machen? Wenn es sich auch versteht, daß Gott keine Sünde tut, so hört er doch nicht auf, die Natur, die durch die Sünde nach Entziehung des heiligen Geistes verderbt ist, zu bilden und zu mehren, wie wenn ein Bildhauer aus verdorbenem Holz Standbilder schafft. So wie die Natur ist, so werden die Menschen, indem Gott sie aus solcher Natur schafft und bildet.

Zweitens ist zu sagen: Wenn Du es von den Werken Gottes nach dem Fall verstanden wissen willst, daß sie sehr gut waren, wirst Du beachten, daß dies nicht von uns, sondern von Gott gesagt wird. Denn es heißt nicht: Es sah der Mensch, was Gott gemacht hatte, und es war sehr gut. Vieles scheint Gott sehr gut und ist es auch, was uns sehr schlecht scheint und ist. So sind Trübsal, Übel, Irrtümer, Hölle, und alle sehr guten Werke Gottes vor der Welt sehr schlecht und verdammenswert. Was ist besser als Christus und das Evangelium? Doch was ist abscheulicher vor der Welt? Also, auf welche Weise vor Gott gut ist, was uns böse ist, weiß Gott allein und diejenigen, welche mit den Augen Gottes sehen, das heißt, die den heiligen Geist haben. Doch eine so spitzige Disputation ist noch nicht nötig, es genügt einstweilen diese erste Antwort.

Vielleicht fragt man, wie es von Gott heißen kann, daß er Böses in uns wirkt, wie verstecken, den Begierden ausliefern, verführen und ähnliches? Man sollte fürwahr mit den Worten Gottes zufrieden sein und schlicht glauben, was sie sagen, da Gottes Werke ganz unerforschlich sind. Jedoch um der Vernunft zu willfahren, d. h. der menschlichen Torheit, mögen wir närrisch und töricht sein und stammelnd versuchen, ob wir irgendwie auf sie Eindruck machen können.

Als erstes: Auch die Vernunft und die Diatribe gibt zu, daß Gott alles in allen wirke (1. Kor. 12, 6) und daß ohne ihn nichts geschehe oder wirksam sei. Denn er ist allmächtig und dies gehört zu seiner Allmacht, wie Paulus im Brief an die Epheser 1, 19 sagt. Nun können der Satan und der Mensch, die gefallen und von Gott verlassen sind, nicht das Gute wollen, d. h. das, was Gott gefällt, oder was Gott will. Sondern sie sind fortwährend ihren eigenen Begierden zugewandt, so daß sie nur streben können nach dem, was das Ihrige ist. Darum sind dieser ihr so von Gott abgewandter Wille und Natur nicht etwa nichts. Denn weder sind der Satan und der gottlose Mensch nichts, noch haben sie keine Natur oder keinen Willen, mögen sie auch eine verderbte und verkehrte Natur haben. Jener Rest der Natur, von dem wir beim Gottlosen und beim Satan sprechen, ist, da er Schöpfung und Werk Gottes ist, nicht weniger der göttlichen Allmacht und Wirkung unterworfen, als alle anderen Schöpfungen und Werke Gottes.

Obwohl demnach Gott alles in allen wirkt und schafft, wirkt und schafft er notwendig auch im Satan und im Gottlosen. Er wirkt aber in ihnen so, wie sie sind und wie er sie findet, das heißt, da sie verkehrt und böse sind und von jener Wirksamkeit der göttlichen Allmacht fortgerissen werden so tun sie nur Verkehrtes und Böses. Gleichwie wenn ein Reiter ein Pferd mit drei oder zwei Füßen reitet, so reitet er es doch so, wie das Pferd ist, das heißt, das Pferd hat einen schlechten Gang. Aber was soll der Reiter tun? Er reitet ein solches Pferd zugleich mit den gesunden Pferden, jenes schlecht, diese gut; er kann nicht anders, es sei denn, daß das Pferd gesund werde.

Hier siehst Du, daß, wenn Gott in Bösen und durch Böse wirkt, zwar Böses geschieht, Gott kann jedoch nicht böse handeln, mag er auch Böses durch Böse verrichten, weil er selbst gut ist und nicht böse handeln kann. Er benutzt jedoch die Bösen als Werkzeuge, die dem Zugriff und der bewegenden Kraft seiner Macht nicht entgehen können. Die Schuld liegt also bei den Werkzeugen, denen Gott müßig zu sein nicht erlaubt, so daß Böses geschieht. Gott selbst wirkt dabei als bewegende Kraft nicht anders, als wenn ein Zimmermann mit einem schlechten und schartigen Beil schlechte Hiebe tut. Daher kommt es, daß der Gottlose nicht anders kann als immer irren und sündigen, weil ihm, fortgerissen von dem Antrieb der göttlichen Allmacht, müßig zu sein nicht gestattet wird, sondern er wollen, wünschen und handeln muß, ganz so wie er beschaffen ist.

Das ist bestimmt und sicher, wenn wir glauben, daß Gott allmächtig ist, ferner, daß der Gottlose ein Geschöpf Gottes ist, das aber von ihm abgewandt und sich selbst überlassen ohne den Geist Gottes nicht Gutes wollen oder tun kann. Die Allmacht Gottes bewirkt, daß der Gottlose dem Antrieb und dem Handeln Gottes nicht entrinnen kann, sondern ihm zwangsnotwendig unterworfen gehorcht. Die Verderbtheit aber bzw. die Abkehr seiner selbst von Gott bewirkt, daß er nicht in Richtung auf das Gute bewegt und fortgerissen werden kann. Gott kann seine Allmacht nicht hintansetzen um der Abkehr jenes willen, der Gottlose aber kann seine Abkehr nicht ändern. So geschieht es, daß er fortwährend und zwangsnotwendig sündigen und irren muß, bis er durch den Geist Gottes auf den rechten Weg geführt wird. Während dessen allen aber herrscht der Satan bis zur Stunde in Frieden, und besitzt ungestört seinen Palast (Luk. 11, 21) während dieses Wirkens der göttlichen Allmacht. Danach aber folgt der Vorgang der Verstockung, mit dem es sich so verhält: Der Gottlose (wie ich sagte) ebenso wie auch sein Gebieter, der Satan, ist ganz auf sich und das Seine gewandt, er fragt nicht nach Gott und ist nicht bedacht auf das, was Gottes ist. Er erstrebt sein zeitliches Vermögen, seinen Ruhm, seine Werke, seine Weisheit, sein Können und überhaupt sein Reich, und das will er in Frieden genießen. Wenn ihm nun jemand darin widersteht, oder irgend etwas von diesen Dingen schmälern will, so wird er durch dieselbe Abkehr, aus der heraus er jene Dinge begeht, angetrieben, sich zu entrüsten und wider den Gegner zu wüten. Und er kann ebenso sehr nichts anderes als wüten, wie er nichts anderes als verlangen und begehren kann. Und er kann ebenso sehr nichts anderes als begehren, wie er nichts anderes als existieren kann, da er, wenn auch verderbt, ein Geschöpf Gottes ist.

Von hier kommt jenes Wüten der Welt gegen das Evangelium Gottes. Denn durch das Evangelium kommt jener Stärkere, um den ruhigen Besitzer des Palastes zu besiegen (Luk. 11, 22) und verdammt jene Begierden nach Ruhm, zeitlichem Vermögen, eigener Weisheit und Gerechtigkeit, und alles, worauf er vertraut. Gerade diese Erbitterung der Gottlosen, wenn Gott ihnen ihrem Wollen Entgegengesetztes sagt oder tut, ist ihre Verstockung und Verhärtung. Denn da sie sich aus sich selbst heraus durch die Verderbnis der Natur von Gott abgewandt haben, so werden sie um so viel mehr von ihm abgewandt und werden böser, sofern ihrer Abkehr widerstanden oder ihr Abbruch getan wird. So, als Gott dem gottlosen Pharao seine Gewaltherrschaft entreißen wollte, reizte er ihn und verstockte und verschlimmerte noch mehr sein Herz, indem er ihn durch das Wort des Moses angriff, als ob dieser sein Reich nehmen und das Volk seiner Gewaltherrschaft entziehen wollte- Er gab ihm auch nicht inwendig den heiligen Geist, sondern ließ zu, daß seine gottlose Verderbnis - worüber der Satan herrschte - entflammte, aufschwoll, wütete und zunahm, mit rechter Selbstsicherheit und Gleichgültigkeit gegen Gott.

Deswegen soll nicht irgend jemand denken, Gott, wenn es von ihm heißt, er verstocke oder wirke Böses in uns (denn verstocken bedeutet Böses tun), handle so, als schaffe er von neuem Böses in uns, ebenso wie wenn Du Dir einen bösartigen Schenkwirt vorstellst, der selbst böse in ein nicht böses Faß Gift hineingießt oder mischt, wobei das Faß nichts tut, als daß es die Bösartigkeit dessen hinnimmt oder duldet, der es so zurichtet. Denn man scheint sich einzubilden, daß der an sich gute oder wenigstens nicht böse Mensch von Gott die böse Handlung duldet, wenn man hört, daß wir sagen, Gott wirke in uns Gutes und Böses und wir seien in reiner passiver Notwendigkeit dem wirkenden Gott unterworfen. Sie bedenken nicht genügend, wie unaufhörlich bewegend Gott in allen seinen Geschöpfen wirkt und keines untätig sein läßt. Sondern so muß der es betrachten, wer überhaupt irgendwie derartiges verstehen will, daß Gott in uns, das heißt durch uns, das Böse wirkt nicht durch Verschulden Gottes, sondern infolge unseres Mangels, die wir von Natur böse sind. Gott ist aber wahrlich gut, der uns mit seinem Wirken entsprechend der Natur seiner Allmacht fortreißt, und nicht anders handeln kann, als daß er, der selbst gut ist, mit den schlechten Werkzeugen Böses tut, wenngleich er auch dies Böse seiner Weisheit entsprechend zu seiner Ehre und unserem Heil wohl anwendet. So findet er den Willen des Satans böse, den er aber nicht schafft, sondern der als Gott ihn verließ und der Satan in Sünden fiel, böse wurde, packt ihn mit seinem Wirken an und führt ihn, wohin er will, mit eben dieser göttlichen Wirkung, wenn auch jener Wille nicht aufhört, böse zu sein. Es bleibt also übrig, daß jemand fragt, warum Gott nicht von der allmächtigen Wirkung abläßt durch welche der Wille, der Gottlosen bewegt wird, böse zu sein und noch böser zu werden?

Darauf ist zu antworten: das heißt wünschen, daß Gott um der Gottlosen willen davon ablasse, Gott zu sein. Denn wenn Du wünschst, daß seine Kraft und Wirkung aufhöre, so bedeutet das, daß er aufhören soll, gut zu sein, damit jene nicht böser werden. Doch warum, ändert er nicht auf einmal die bösen Willen, die er bewegt? Das gehört zu den Geheimnissen der göttlichen Majestät, wo seine Entscheidungen unbegreiflich sind, Und es ist nicht unsere Aufgabe, das wissen zu wollen, sondern vielmehr, diese Geheimnisse anzubeten. Wenn Fleisch und Blut hier Anstoß nimmt und murrt, so mag es ruhig murren; es wird jedoch nichts ausrichten, Gott wird sich deswegen nicht wandeln. Und wenn auch noch so viel Gottlose Ärgernis nehmen und sich abwenden, die Auserwählten werden doch bleiben. Dasselbe wird jenen gesagt werden, die fragen: Warum hat er es zugelassen, daß Adam fiel, und warum schafft er uns alle mit derselben Sünde befleckt, während er doch jenen hätte bewahren und uns anderswoher oder nachdem erst der Samen gereinigt war, hätte erschaffen können? Er ist Gott, für dessen Willen es keine Ursache noch Grund gibt, die ihm als Richtschnur und Maß vorgeschrieben werden könnten, da es nichts gibt, das ihm gleich oder über ihm ist, sondern sein Wille ist Richtschnur für alle Dinge. Denn wenn es für ihn irgendeine Richtschnur und Maß gäbe oder eine Ursache oder einen Grund, so könnte er bereits nicht mehr Gottes Wille sein. Denn nicht deswegen, weil es ihm ziemt oder ziemte so zu wollen, ist richtig, was er will, sondern im Gegenteil: weil er selbst so will, deswegen muß recht sein, was geschieht. Dem Willen des Geschöpfes wird Ursache und Grund vorgeschrieben, aber nicht dem Willen des Schöpfers, es sei denn, Dass Du ihn einem anderen Vorziehen willst.

Damit, meine ich, ist die in Bildern redende Diatribe mit ihrer Bildrede ausreichend widerlegt. Endlich kommt die Diatribe zu den von Luther wider den freien Willen zitierten Schriftstellen und will auch diese widerlegen, deren erste jene in 1. Mose 6, 3 ist: Mein Geist wird nicht im Menschen bleiben, weil er Fleisch ist. Die zweite Schriftstelle ist 1. Mose 8, 21: Das Dichten und Denken des menschlichen Herzens ist zum Bösen geneigt von Jugend auf und 1. Mose 6, 5: Alles Denken des menschlichen Herzens ist immerdar auf Böses gerichtet. Eine weitere Stelle steht Jeremia 10, 23: Ich weiß, Herr, daß nicht in des Menschen Gewalt sein Weg steht, und steht in niemandes Macht, wie er wandle und seinen Gang lenke.

Aber die Diatribe kommt auf ihr altes Lied zurück, daß im Buch der Sprüche viel für den freien Willen gesagt wird, wie z. B. jenes Wort: Enthülle dem Herrn Deine Werke (Sprüche 16, 3). Hörst Du (sagt sie), Deine Werke? Natürlich, weil es in diesem Buch viel befehlende und bedingende Worte gibt, ebenso Fürwörter der zweiten Person, so wird eben mit diesen Gründen die Freiheit des Menschen bewiesen, wie z. B. so: Enthülle, folglich kannst Du Deine Werke enthüllen, also tust Du sie. So wirst Du jener Stelle: Ich bin Dein Gott (5. Mos. 5, 6) entnehmen: das bedeutet: Du machst mich zu Deinem Gott. Dein Glaube hat Dir geholfen (Matth. 9, 22). Hörst Du, Dein Glaube? Lege das so aus: Du machst den Glauben. Dann hast Du den freien Willen bewiesen. Ich spotte hier nicht, sondern zeige, daß es der Diatribe nicht ernst ist in dieser Sache.

Danach - nachdem die Diatribe gesagt hat, daß viele Zeugnisse zusammengetragen werden könnten, wie sie Luther aus diesem Buch der Sprüche sammelt, daß sie aber bei zweckentsprechender Auslegung bald für, bald gegen den freien Willen eintreten könnten - bringt sie endlich jenes Geschoß Luthers heran, das wie das des Achill und unfehlbar ist, nämlich Joh. 15, 5: Ohne mich könnt ihr nichts tun usw.

Auch ich lobe den trefflichen Rhetor des freien Willens, der die Zeugnisse der Schrift durch entsprechende Auslegungen, wie zu sehen gewesen ist, umzugestalten lehrt, so daß sie tatsächlich für den freien Willen eintreten, das heißt, daß sie bewirken, nicht wozu sie bestimmt sind, sondern was uns gefallen mag. Sodann gibt er vor, dieses eine Achillesgeschoß so zu fürchten, auf daß der törichte Leser, wenn dieses überwunden ist, das Übrige über die Maßen gering schätze. Ich will aber die großsprecherische und heldenhafte Diatribe näher betrachten, um zu sehen, mit welchem Mittel sie meinen Achilles überwinden wird, die doch bisher keinen einfachen Soldaten, nicht einmal einen Thersites getötet hat, sondern mit ihren eigenen Geschossen sich auf das Elendeste zugerichtet hat. Sie stürzt sich also auf das Wörtchen nichts, bringt es mit vielen Wörtern und vielen Beispielen um und zerrt es mit gewandter Auslegung dahin, daß nichts dasselbe sein könne wie nicht viel und unvollkommen; das heißt, sie setzt mit anderen Worten das auseinander, was die Sophisten bisher an dieser Stelle folgendermaßen lehrten: Ohne mich könnt ihr nichts - das heißt nichts vollkommen - tun. Diese schon längst überholte und abgedroschene Glosse gibt sie uns mit rhetorischer Kraft als neu zurück und betreibt dies so emsig, als ob sie sie als erste hervorgebracht, und als ob man nie zuvor von ihr gehört hätte, als sei sie im Begriff, sie uns wie ein Wunder zu offenbaren. Derweilen aber fühlt sie sich völlig sicher und denkt nicht an den Text selbst, an das Folgende und das Vorhergehende, von wo her die Bedeutung herzuleiten ist. Ich schweige davon, daß sie mit soviel Worten und Beispielen beweist, daß das Wörtchen nichts an dieser Stelle als nicht viel und unvollkommen aufgefaßt werden könne, als ob wir über das Können disputierten, während doch das zu beweisen gewesen wäre, ob es so aufgefaßt werden müsse. So bewirkt diese ganze prunkvolle Auslegung nichts anderes, wenn sie überhaupt etwas erreicht, als daß diese Stelle des Johannesevangeliums ungewiß und vieldeutig wird. Das ist auch nicht erstaunlich, da ja die Diatribe dies einzig und allein betreibt, daß die Schrift Gottes überall vieldeutig sei, damit sie nicht gezwungen wird, sie zu gebrauchen. Die Autoritäten der Kirchenväter aber sollen zuverlässig sein, damit man jene mißbrauchen kann. Wahrlich, eine erstaunliche Religion, in welcher Gottes Worte unbrauchbar, der Menschen Worte aber brauchbar sind. Hier möchte ich mich über die Methode belehren lassen, mit welcher man in der Lage sein kann, den Häretikern zu widerstehen, die überall in der Schrift diese Regel gebrauchen wollen und nichts und nicht als unvollkommen aufzufassen bestrebt sind, wie z. B.: ohne ihn ist nichts geschehen (Joh. 1, 3), das bedeutet: nicht viel. Es spricht der Tor in seinem Herzen, es ist kein Gott (Ps. 14, 1), das bedeutet: Gott ist unvollkommen. Er hat uns geschaffen, und nicht wir selbst (Ps. 100, 3) das bedeutet: wir haben uns zu einem geringen Teil selbst geschaffen . Und wer möchte bei der Schrift die Stellen zählen, in welchen nichts und nicht gebraucht werden? Oder sollen wir hier sagen: Wir müssen uns nach einer zweckmäßigen Auslegung umsehen? Keinem Häretiker erscheint seine Auslegung nicht zweckmäßig. Heißt das die Schwierigkeiten lösen, einer solchen Willkür Tür und Tor zu öffnen für die verderbten Sinne und die trügerischen Geister? Dir, glaube ich, der Du Dir aus der Gewißheit der heiligen Schrift nichts machst, würde diese Zügellosigkeit der Auslegung zweckmäßig scheinen, aber uns, die wir den Gewissen einen festen Grund zu geben uns mühen, kann nichts begegnen, das unzweckmäßiger, schädlicher, verderblicher wäre als diese Bequemlichkeit. Höre also, Du großer Besieger des Lutherischen Achilles: Wenn Du nicht bewiesen hast, daß nichts an dieser Stelle nicht als nicht viel nur verstanden werden könne sondern auch als nicht viel verstanden werden müsse, wirst Du mit Deiner großen Fülle von Worten und Beispielen nichts erreicht haben, außer daß Du mit trockenem Stroh gegen helles Feuer kämpfst. Was geht uns Dein Können an, wenn von Dir verlangt wird, daß Du das Müssen beweist? Wenn Du das nicht zustande bringst so werden wir bei der natürlichen und grammatikalischen Bedeutung des Wortes bleiben, und ebenso Deine Wortfülle wie Deine scheinbaren Triumphe verlachen.

Wo bleibt nun die wahrscheinliche Meinung die feststellte, daß der freie Wille nichts Gutes wollen könne? Aber vielleicht kommt hier schließlich die zweckmäßige Auslegung, daß nichts Gutes etwas Gutes bedeutet, eine wahrlich unerhörte Grammatik und Dialektik, bei der nichts das ist, das sonst etwas bedeutet, was bei den rechten Dialektikern unmöglich gewesen wäre, da es sich um einander ausschließende Gegensätze handelt.

Wo bleibt auch dies, daß wir glauben, der Satan sei der Fürst der Welt, der - wie Christus (Joh. 12, 31; 14, 30) und Paulus (Eph. 6, 12) bezeugen - in den Willensentschließungen und Herzen der durch ihn gefangenen und versklavten Menschen herrscht? Wird jener, nämlich der brüllende Löwe (1. Petr. 5, 8), der unversöhnliche und rastlose Feind der Gnade Gottes und des menschlichen Heils es geschehen lassen, daß der Mensch, Sklave und Teil seines Reiches, zum Guten hin irgendeine Bewegung oder ein Mittel zur Bewegung versuche, wodurch er seiner Gewaltherrschaft entgehen, kann? Wird er ihn nicht vielmehr anstoßen und antreiben, daß er mit allen Kräften das Gegenteil der Gnade will und tut? Er, dem die Gerechten und durch den Geist Gottes Geleiteten kaum Widerstand leisten, daß sie das Gute wollen und tun, so wütet er gegen sie.

Du, der Du vorgibst, der menschliche Wille sei ein in der freien Mitte gelegenes Ding und sich selbst überlassen, gibst leicht gleichzeitig vor, es gebe ein Streben des Willens nach beiden Seiten, weil Du meinst, sowohl Gott wie der Teufel seien weit entfernt gleichsam lediglich als Zuschauer jenes wandelbaren unfreien und freien Willens. Daß sie aber Antreiber und Anpeitscher jenes Willens sind, sich gegenseitig heftig bekriegend, glaubst Du nicht. Sobald man aber nur dies glaubt, steht unsere Ansicht fest genug, und der freie Wille liegt da zu Boden gestreckt, wie wir bereits oben gelehrt haben. Entweder nämlich wird die Herrschaft des Satans über die Menschen nichtig sein, und Christus wird dadurch zum Lügner, oder aber, wenn die Herrschaft jenes so beschaffen ist, wie Christus sie beschreibt (Luk. 11, 18), wird der freie Wille nur ein gefangen gehaltenes Lasttier des Satans sein, das nicht befreit werden kann, wenn nicht zuvor durch den Finger Gottes der Teufel fortgetrieben wird (Luk. 11, 20).

Von hier aus, glaube ich, begreifst Du ausreichend, liebe Diatribe, was es bedeutet und wie viel es wert ist, wenn Dein Verfasser die Halsstarrigkeit der lutherischen Behauptung verabscheuend zu sagen pflegt: Luther betreibe die Sache so sehr eifrig mit der Schrift, die doch durch ein einziges Wörtchen aufgehoben werden könnte. Denn wer weiß das nicht, daß ein einziges kleines Wort die ganze Schrift aufheben kann? Wir wußten das ganz gut, auch bevor wir den Namen des Erasmus hörten. Aber darum geht es, ob dies recht sei, mit einem Wörtlein die Schrift aufzuheben? Ob sie rechtmäßig aufgehoben wird, und ob sie so aufgehoben werden darf, darüber wird disputiert. Hierauf soll sie schauen und sie wird (das Gegenteil davon) sehen, wie leicht es ist, die Schrift aufzuheben und wie sehr die Halsstarrigkeit Luthers zu verabscheuen ist. Sie wird hingegen sehen, daß nicht allein die Wörtlein nichts ausrichten, sondern auch alle Tore der Hölle.

Wir nun aber wollen, was die Diatribe für ihre bejahende These nicht kann - obgleich wir unsere verneinende nicht zu beweisen brauchten -, das dennoch tun und wollen es ihr durch die Gewalt der Argumente abpressen, daß nichts an dieser Stelle nicht könne sondern müsse aufgefaßt werden nicht als ein wenig, sondern als das, was das Wörtchen seiner Natur nach bezeichnet. Wir wollen dies aber über jenes unüberwundene Argument hinaus tun, durch das wir bereits gesiegt haben, daß nämlich die Wörter in der natürlichen Verwendung ihrer Bedeutung zu gebrauchen sind, wenn nicht das Gegenteil bewiesen ist, was die Diatribe weder getan hat noch tun kann. Wir dringen ihr aber dies erste ab gerade aus der Natur der Sache selbst, weil durch die weder vieldeutige noch dunkle Schrift erwiesen ist, daß der Satan der bei weitem mächtigste und verschlagenste Fürst der Welt sei (wie wir gesagt haben). Wenn er die Herrschaft hat, ist der menschliche Wille bereits nicht mehr frei und nicht sein eigener Herr, sondern ein Knecht der Sunde und des Satans; er kann nur wollen, was jener sein Fürst will. Nichts Gutes aber wird jener ihn wollen lassen wie sehr auch, selbst wenn der Satan ihm nicht geböte die Sünde selbst, deren Knecht der Mensch ist, ihn genügend beschwerte, daß er das Gute nicht wollen könnte.

Sodann erzwingt eben dasselbe die Redefolge selbst, welche die Diatribe kühnlich verachtet, obwohl ich es in seinen Assertiones ausführlich genug angemerkt hatte. So fährt Christus nämlich Joh, 15, 6 fort: Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorret, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennt. Daran, sage ich, ist die Diatribe aufs Rhetorischste vorbeigegangen und hat gehofft, dieses Übergehen würde für die so ungebildeten Lutheraner nicht faßbar sein- Du siehst aber, daß hier Christus selbst als Ausleger seines Gleichnisses vom Weinstock und der Rebe deutlich genug erklärt, was er unter dem Wörtchen nichts verstanden wissen will, nämlich daß der Mensch, der außerhalb von Christus ist, weggeworfen wird und verdorrt. Was kann aber weggeworfen werden und verdorren anderes bedeuten, als unter die Gewalt des Teufels ausgeliefert und unablässig schlechter werden? Schlechter werden ist aber nicht, etwas können oder versuchen- Der verdorrende Weinstock wird mehr und mehr für das Feuer geeignet, je mehr er verdorrt. Wenn nicht Christus selbst dieses Gleichnis so weiter ausgesponnen und angewandt hätte, so hätte niemand es gewagt, es so auszuführen und anzuwenden. Es steht also fest, daß nichts an dieser Stelle im eigentlichen Sinn verstanden werden muß, wie die Natur des Wortes es mit sich bringt. Danach zählt die Diatribe Vergleiche auf, mit denen sie nichts ausrichtet, als daß sie nach ihrer Weise den törichten Leser zu fremden Dingen hinzerrt, während sie derweilen den in Frage stehenden Gegenstand völlig vergißt. Wie zum Beispiel: Wenn Gott auch ein Schiff rettet, führt es der Schiffer aber doch in den Hafen; deswegen tut der Schiffer etwas dazu. Ein in verschiedenen Richtungen laufendes Werk teilt dies Gleichnis zu: Gott das Retten, dem Schiffer das Führen. Fernerhin, wenn es etwas beweist, so beweist es dies, daß Gott das ganze Werk des Rettens zugehört, dem Schiffer das ganze Werk des Führens. Und dennoch soll das ein schönes und passendes Gleichnis sein. Ebenso (ein weiterer Vergleich der Diatribe) fährt der Landmann die Ernte zusammen, Gott aber hat sie gegeben. Wiederum handelt es sich um verschiedene Werke Gottes und des Menschen, wenn man nicht den Landmann zugleich zum Schöpfer macht, der die Ernte gegeben hat. Doch selbst wenn bis dahin dieselben Werke Gott und dem Menschen gegeben werden, was bewirken dann diese Gleichnisse? Nur, daß das Geschöpf mit dem wirkenden Gott zusammenarbeitet. Aber disputieren wir jetzt etwa über das Zusammenwirken und nicht vielmehr über die eigene Kraft und das eigene Wirken des freien Willens? Wohin flüchtet also dieser Redner, der von der Palme sprechen wollte und nur vom Kürbis redet? Einen Weinkrug fing er an zu machen, warum geht ein Wasserkrug daraus hervor?

Auch wir wissen, daß Paulus mit Gott zusammenwirkt in der Belehrung der Korinther, indem er auswendig predigt und Gott inwendig lehrt (1. Kor. 3, 9), wobei es sich auch um ein voneinander unterschiedenes Werk handelt. Ähnlich wirkt er auch mit Gott zusammen, wenn er im Geiste Gottes redet, und zwar (diesmal) in demselben Werk. Denn dies behaupten und versichern wir bestimmt daß Gott, wenn er ohne die Gnade des heiligen Geistes wirkt, alles in allen, auch in den Gottlosen wirkt, indem er alles, was er allein geschaffen hat und auch allein bewegt treibt und fortreißt durch die Tätigkeit seiner Allmacht' Dieser kann es nicht entgehen und sie nicht ändern, sondern es folgt und gehorcht zwangsnotwendig, ein jedes nach dem Maß seines Vermögens, das ihm von Gott gegeben ist. So wirkt auch alles Gottlose mit ihm zusammen Sodann, wo er durch den Geist der Gnade in jenen wirkt die er gerechtfertigt hat, d. h. in seinem Reich, da leitet und bewegt er sie ebenfalls, und jene, da sie denn ein neues Geschöpf sind, gehorchen und wirken mit ihm zusammen, oder werden vielmehr, wie Paulus sagt (Röm 8, 14), von ihm getrieben.

Aber von ihnen zu reden, ist hier nicht der Ort. Wir disputieren nicht darüber, was wir durch den (in uns) wirkenden Gott, sondern was wir vermögen, nämlich ob wir, die wir bereits aus dem Nichts geschaffen sind, etwas unter jenem allgemeinen Antrieb der Allmacht tun oder versuchen können, uns auf das neue Geschöpf des Geistes zu bereiten. Hierauf wäre zu antworten gewesen, nicht aber anderswohin auszubiegen. Denn hier antworten wir folgendermaßen: Wie der Mensch, bevor er zum Menschen geschaffen wird, nichts tut oder versuchte dadurch er ein Geschöpf wird sodann, da er nun gemacht und geschaffen ist, nichts tut oder versucht, dadurch er als Kreatur fortbesteht, sondern beides allein durch den Willen der anmächtigen Kraft und Güte Gottes geschieht, der uns ohne uns schafft und erhält aber nicht in uns ohne, uns wirkt, die er uns gerade dazu geschaffen und erhalten hat, daß er in uns wirke, und wir mit ihm zusammen wirken - sei es, daß dies geschehe außerhalb seines Reiches durch die allgemeine Allmacht, sei es innerhalb seines Reiches durch die besondere Kraft seines Geistes - also sagen wir des weiteren: Der Mensch, bevor er zu einem neuen Geschöpf des Reiches des Geistes erneuert wird, tut nichts, versucht nichts, dadurch er sich zu dieser Erneuerung und diesem. Reich bereite. Wenn er dennoch geschaffen ist, tut er nichts, versucht er nichts, dadurch er in diesem Reiche bleibe. Sondern beides tut allein der Geist in uns, der uns ohne uns von neuem schafft und die Neugeschaffenen bewahrt, wie auch Jakobus sagt: freiwillig hat er uns durch das Wort seiner Kraft gezeugt, daß wir wären der Erstling seiner Geschöpfe (Jak l, 18); er redet von der erneuerten Kreatur. Aber er wirkt nicht ohne uns, die er ja gerade dazu neugeschaffen hat und erhält, daß er in uns wirke und wir mit ihm zusammenwirken. So predigt er durch uns, erbarmt sich der Armen durch uns, tröstet die Betrübten durch uns. Aber was wird von da aus dem freien Willen zugeschrieben? Ja, was wird ihm übrig gelassen als nichts und abermals nichts? Lies also hier die Diatribe fünf oder sechs Blätter lang, wo sie derart mit Vergleichen und prächtigen aus dem Evangelium und Paulus angeführten Sprüchen und Parabeln nichts anderes betreibt, als daß sie uns lehrt, daß in der Schrift (wie sie sagt) unzählige Stellen zu finden sind, die von der Mitwirkung und Hilfe Gottes berichten. Wenn ich nun daraus folgenden Schluß ziehe: der Mensch kann nichts ohne die Hilfe der Gnade Gottes, also sind keine Werke des Menschen gut, so schließt die Diatribe mit rhetorischer Umkehrung entgegengesetzt folgendermaßen: Ja (sagt sie), der Mensch kann nichts ohne die Hilfe der Gnade Gottes, darum können alle Werke des Menschen gut sein. Wie viele Stellen es nun in der heiligen Schrift gibt, welche dieser Hilfe gedenken, so viele gibt es, welche den freien Willen feststellen. Aber diese sind zahllos, daher habe ich gesiegt, wenn die Sache nach der Zahl der Zeugnisse veranschlagt wird.

Soweit die Diatribe. Meinst Du, daß die Diatribe ausreichend nüchtern oder bei gesundem Verstand gewesen ist, als sie dies schrieb? Denn ich will es nicht ihrer Tücke und Nichtswürdigkeit zuschreiben, wenn sie mich nicht etwa durch den fortwährenden Überdruß hat langsam umbringen wollen, indem sie, überall sich gleich, immer anderes behandelt, als sie sich vorgenommen hat. Aber wenn jener es Genuß gewährt hat, in einer so wichtigen Sache Unsinn zu reden, so soll es auch uns Genuß gewähren, ihre freiwilligen Unsinnigkeiten öffentlich dem Spott preiszugeben.

Erstlich disputieren wir weder darüber, noch wissen wir nicht, daß alle Werke des Menschen gut sein können, wenn sie mit der Hilfe der Gnade Gottes geschehen. Weiter, daß der Mensch alles mit der Hilfe der Gnade Gottes kann- Ich kann mich wahrlich nicht genug über Deine Unachtsamkeit wundern, der Du von dem Vermögen der Gnade Gottes schreibst, obwohl Du Dir vorgesetzt hattest, von dem Vermögen des freien Willens zu schreiben- Dazu, als ob alle Menschen Klötze und Steine wären, wagst Du, öffentlich zu sagen, daß der freie Wille durch die Schriftstellen bewiesen werde, welche die Hilfe der Gnade Gottes preisen, und wagst nicht allein dies, sondern singst Dir auch ein Loblied als Sieger und überaus glorreicher Triumphator. Jetzt weiß ich wirklich, aus diesem Deinem Reden sowie aus Deinem Handeln, was der freie Wille ist und vermag: nämlich den Verstand zu verlieren. Was kann es in Dir sein, frage ich Dich; was so redet, wenn nicht der freie Wille selbst?

Höre doch Deine Ableitungen! Die Schrift preist die Gnade Gottes, also anerkennt sie den freien Willen. Sie preist die Hilfe der Gnade Gottes, also bestätigt sie den freien Willen. Aus welcher Dialektik hast Du diese Schlußfolgerungen gelernt? Warum folgerst Du nicht umgekehrt: Die Gnade wird gepredigt, also wird der freie Wille aufgehoben; die Hilfe der Gnade wird gepriesen, also wird der freie Wille vernichtet?

Denn wozu wird die Gnade verliehen? Etwa dazu, daß der Hochmut des freien Willens, der an sich schon stark genug ist, mit der Gnade wie mit einem überflüssigen Schmuck ausgestattet in den Fastnachtstagen Fratzen schneide und Possen treibe?

Darum will auch ich die Schlußfolgerung umkehren, wenn auch nicht als Rhetor, so doch mit konsequenterer Rhetorik als Du: So viele Stellen es in der heiligen Schrift gibt, welche der (göttlichen) Hilfe gedenken, so viele sind es auch, welche den freien Willen aufheben. Aber diese sind zahllos, daher habe ich gesiegt, wenn die Sache nach der Zahl der Zeugnisse veranschlagt werden soll- Denn deshalb ist die Gnade notwendig, deshalb wird das Hilfsmittel der (göttlichen) Gnade dem Menschen beigelegt, weil der freie Wille aus sich heraus nichts kann, und, wie die Diatribe selbst auf Grund jener (ihr) wahrscheinlichen Meinung sagt, nicht das Gute wollen kann. Wenn daher die Gnade gepriesen und die Hilfe der Gnade gepredigt wird, so wird zugleich die Ohnmacht des freien Willens gepredigt. Das ist die gesunde Schlußfolgerung und die feststehende Ableitung, welche auch die Pforten der Hölle nicht umstoßen werden.

Hier wollen wir dem ein Ende setzen, was zur Verteidigung unserer von der Diatribe widerlegten Schriftstellen zu sagen ist, damit das Buch nicht unmäßig anschwelle; das Übrige, wenn etwas daraus dessen würdig ist, soll innerhalb unserer positiven Darlegungen behandelt werden. Denn was Erasmus im Epilog wiederholt: wenn unsere Ansicht sich behaupte, seien so viele Gebote, so viele Drohungen, so viele Verheißungen zwecklos, und weder für Verdienste noch Unverdienste weder für Belohnungen noch Strafen werde Raum gelassen; weiter sei es schwierig, die Barmherzigkeit, ja die Gerechtigkeit Gottes zu verteidigen, wenn Gott die zwangsnotwendig Sündigen verdammt; auch andere Unannehmlichkeiten würden folgen, welche ganz bedeutende Männer so bewegt haben, daß sie sogar zu Fall gekommen sind. Über dies alles haben wir weiter oben schon Rechenschaft abgelegt. Wir dulden auch nicht und nehmen auch nicht an jene Mittelstraße, welche die Diatribe uns mit guter Absicht, wie ich glaube, ans Herz legt, daß wir nämlich dem freien Willen nur ein ganz klein bißchen zugestehen, damit um so leichter die einander widerstreitenden Schriftaussagen und die vorhin angeführten Beschwerlichkeiten behoben werden können, Denn mit dieser Mittelstraße ist der Sache nicht geraten und kein Fortschritt erzielt. Wenn Du nämlich nicht das Ganze und alles dem freien Willen zuerkennst, nach dem Beispiel der Pelagianer, so bleibt nichtsdestoweniger der Widerstreit der Schriftaussagen, wird Verdienst und Belohnung aufgehoben, wird die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes hinweggenommen und bleiben alle Unannehmlichkeiten, die wir durch die ganz kleine und unwirksame Kraft des freien Willens vermeiden wollten, wie wir oben zur Genüge gelehrt haben.

Darum muß man bis zum äußersten gehen, so daß der ganze freie Wille bestritten, und alles auf Gott zurückgeführt wird. Dann werden die Schrift aus sagen einander nicht widerstreiten, und die Unannehmlichkeiten, wenn sie nicht aufgehoben werden, werden zu tragen sein. Wir kommen nun zum letzten Teil dieses Buches, in welchem wir, wie versprochen, unsere Truppen wider den freien Willen vorführen sollen. Aber wir wollen sie nicht alle vorbringen; denn wer könnte das mit einem solchen kleinen Büchlein erreichen, da die gesamte Schrift mit ihren einzelnen Tüttelchen und Buchstaben auf unserer Seite steht? Es ist auch nicht notwendig, einmal, weil bereits durch einen doppelten Sieg der freie Wille überwunden und niedergestreckt ist. Der eine (ist da errungen), wo wir beweisen, daß alles gegen ihn selbst steht, was er für sich zu tun meinte. Der andere (ist da errungen), wo wir auf weisen, daß noch unbesiegt besteht, was er widerlegen wollte. Dann wäre, auch wenn er noch nicht besiegt wäre, schon genug erreicht, wenn er durch das eine oder andere Geschoß zu Boden gestreckt würde. Denn was ist es nötig, einen Feind, der schon durch irgendein einziges Geschoß getötet ist, im Tode noch mit vielen anderen Geschossen zu durchbohren? Daher wollen wir, wenn es die Sache duldet, nun kürzer vorgehen und aus der so großen Zahl der Heere nur zwei Feldherren mit irgend einigen ihrer Legionen vorführen, Paulus nämlich und Johannes den Evangelisten. Paulus beginnt im Römerbrief die Disputation gegen den freien Willen für die Gnade folgendermaßen: Es wird, sagt er, Gottes Zorn vom Himmel geoffenbart über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit Gottes in Ungerechtigkeit aufhalten (Röm. l, 18). Hörst Du hier das allgemeine Urteil über alle Menschen, daß sie unter dem Zorne Gottes sind? Was ist das anderes, als des Zornes und der Strafe wert sein? Als Quelle des Zornes benennt er, daß sie nur tun, was des Zornes und der Strafe wert ist, nämlich daß sie alle gottlos und ungerecht sind und die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten. Wo ist nun die Kraft des freien Willens, die irgend etwas Gutes anstreben könne? Paulus setzt voraus, daß es des Zornes Gottes wert sei und erklärt es für gottlos und ungerecht. Was aber den Zorn verdient und gottlos ist, das strebt und wirkt mit gegen die Gnade, nicht für die Gnade. Laß uns aber sehen, wie Paulus seine Entscheidung aus der heiligen Schrift beweist, ob die Worte bei Paulus mehr aussagen, als an ihrem eigentlichen Platze, Wie es (Ps. 14 und 53) geschrieben steht, sagt er: da ist nicht, der gerecht sei; da ist nicht, der verständig sei, da ist nicht, der nach Gott frage. Sie sind alle abgewichen und alle untüchtig geworden; da ist nicht, der Gutes tue, auch nicht einer usw. (Röm. 3, 10 - 12). Hier gebe mir eine zweckmäßige Auslegung, wer es kann; erdichte Bildreden, wende vor, die Worte seien vieldeutig und dunkel, und verteidige den freien Willen wider diese Verdammungsurteile, wer es wagt. Dann will auch ich freiwillig weichen und widerrufen und will selbst auch ein Bekenner und Verteidiger des freien Willens sein.

Es ist sicher, daß dies von allen Menschen ausgesagt wird. Denn der Prophet führt Gott ein, wie er über alle Menschen hinschaut und über sie dieses Urteil fällt. Denn also sagt Ps. 14, 2 - 3: Der Herr schaute vom Himmel auf der Menschen Kinder, daß er sehe, ob jemand klug sei oder nach Gott frage. Aber sie sind alle abgewichen usw. Und damit die Juden nicht meinten, daß auf sie sich das nicht beziehe, kommt Paulus ihnen zuvor, indem er versichert, daß es auf sie sich in besonderem Maße beziehe: Wir wissen aber, sagt er, daß, was das Gesetz sagt, das sagt es denen, die unter dem Gesetz sind (Röm. 3, 19). Dasselbe hat er gewollt, wo er sagte: Den Juden vornehmlich und den Griechen (Röm. 2, 9).

Du hörst also, daß alle Menschenkinder, alle, die unter dem Gesetz sind, das heißt sowohl Heiden wie Juden, vor Gott als solche beurteilt werden, die ungerecht sind, Gott nicht begreifen noch nach ihm fragen, auch nicht einer. Alle wahrlich sind abgewichen und heillos. Ich meine aber, daß unter die Menschenkinder und die, welche unter dem Gesetz sind, auch diejenigen gezählt werden, welche die Besten und Ehrbarsten sind, die mit der Kraft des freien Willens nach der Tugend und dem Guten streben, und von denen die Diatribe rühmt, sie hätten das Bewußtsein und den Samen der Tugend eingepflanzt, falls sie nicht vielleicht darauf aus ist, es handle sich um Söhne der Engel. Wie könnten also die nach dem Guten streben, die alle insgesamt nichts von Gott wissen noch sich um ihn kümmern oder nach ihm fragen? Wie können diejenigen eine dem Guten nützliche Kraft haben, die alle vom Guten abweichen und völlig unnütz sind? Oder wissen wir nicht, was es bedeutet, Gott nicht zu kennen, keine Einsicht zu haben, Gott nicht zu suchen, Gott nicht zu fürchten, sich losgesagt zu haben und unnütz zu sein? Sind nicht die Worte ganz klar und lehren sie nicht das, daß alle Menschen Gott nicht kennen und Gott verachten, sodann zum Bösen neigen und zum Guten unbrauchbar sind? Denn hier handelt es sich nicht um eine Unkenntnis in der Beschaffung des Lebensbedarfes oder um die Verachtung des Geldes, sondern um die Unkenntnis und Verachtung des Glaubens und der Frömmigkeit. Doch diese Unkenntnis und Verachtung ist ganz ohne Zweifel nicht im Fleisch und den niedrigeren, gröberen Neigungen, sondern in jenen höchsten und edelsten Kräften der Menschen, in denen Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Kenntnis und Verehrung Gottes herrschen sollen, nämlich m der Vernunft und dem Willen und gerade in eben der Kraft des freien Willens, in der Quelle des Ansehnlichsten und Hervorragendsten, was im Menschen ist.

Wo bist Du jetzt, liebe Diatribe, die Du weiter oben versprachst, gern beizupflichten, daß das Beste im Menschen Fleisch sei, das heißt gottlos, wenn es aus der Schrift bewiesen würde? Stimme nun also zu, wenn Du hörst, daß das Beste in allen Menschen nicht nur gottlos ist, sondern Gott nicht kennt, Gott verachtet, dem Bösen zugewandt und unbrauchbar zum Guten ist. Denn was heißt ungerecht sein anderes, als daß der Wille (welcher das eine der hervorragendsten Dinge im Menschen ist) ungerecht ist? Was bedeutet Gott und das Gute nicht erkennen anderes, als daß die Vernunft (welche das andere der hervorragendsten Dinge im Menschen ist) von Gott und dem Guten nicht weiß, das heißt blind ist in der Erkenntnis der Frömmigkeit? Was bedeutet sich losgesagt haben und unbrauchbar sein anderes, als daß die Menschen mit keinem Teil ihrer selbst, ja am wenigsten mit ihren hervorragendsten Teilen zum Guten irgend etwas vermögen, sondern nur zum Bösen? Was bedeutet Gott nicht fürchten anderes, als daß die Menschen mit allen ihren Teilen, am meisten mit ihren besseren, Verächter Gottes sind? Verächter Gottes sein bedeutet zugleich Verächter aller Dinge Gottes sein, wie zum Beispiel der Worte, Werke, Gesetze, Gebote und des Willens Gottes. Was kann nun die Vernunft Richtiges sagen, welche blind und unwissend ist? Was kann der Wille Gutes erwählen, der böse und unbrauchbar ist? Ja was kann der Wille anstreben, dem die Vernunft nichts sagt, außer der Finsternis der Blindheit und Unwissenheit? - Wenn also die Vernunft irrt und der Wille (vom Guten) abgewandt ist, was vermag der Mensch Gutes zu tun oder zu erstreben?

Aber es könnte vielleicht jemand sophistisch zu sagen wagen: Zugegeben, daß der Wille abweicht, und die Vernunft tatsächlich unwissend ist, so kann der Wille doch etwas erstreben und die Vernunft etwas wissen aus eigenen Kräften, da wir vieles können, was wir dennoch nicht tun, denn wir disputieren über die potentielle Kraft, nicht über die Ausführung. Darauf antworte ich: Die Worte des Propheten schließen sowohl Ausführung wie Fähigkeit ein. Es bedeutet dasselbe, wenn man sagt: Der Mensch fragt nicht nach Gott, wie wenn man sagt: Der Mensch kann nicht nach Gott fragen. Das müßtest Du daraus erschließen, daß, wenn im Menschen die Fähigkeit oder die Kraft wäre, Gutes zu wollen, daß diese Kraft sie irgend in einigen oder wenigstens einem einzigen bewegt und in irgend welcher Anwendung kundgetan würde, da durch den Antrieb der göttlichen Allmacht ihr nicht zu ruhen oder müßig zu sein gestattet wird. Aber das geschieht nicht, denn Gott schaut vom Himmel herab, und sieht nicht einen einzigen, der nach ihm frage oder strebe (Ps. 14, 3). Daraus folgt, daß es diese Kraft nirgends gibt, die (nach ihm) strebt oder ihn suchen will; sondern alle weichen vielmehr (von ihm) ab. Wenn Paulus nicht zugleich so verstanden würde, daß er von der Ohnmacht (des Menschen) redet, würde seine Darlegung nichts ausrichten. Denn daran ist Paulus ganz und gar ,daß er allen Menschen die Gnade notwendig erscheinen läßt. Wenn sie aber von sich aus etwas anfangen könnten, wäre die Gnade nicht nötig. Nun aber, weil sie es nicht können, ist ihnen die Gnade nötig. So siehst Du, daß jeder freie Wille durch die Schriftstellen vollständig beseitigt wird und daß nichts Gutes oder Ehrbares im Menschen übrig gelassen wird, da er als ungerecht, Gottes unkundig, Verächter Gottes, abgefallen und untüchtig vor Gott festgestellt wird, und das behauptet in diesem Streit der Prophet an der eigentlichen Schriftstelle sowohl nachdrücklich genug wie bei Paulus, der sich auf ihn beruft.

Und es ist keine geringe Sache, wenn es heißt, daß der Mensch Gott nicht kenne und ihn verachte. Denn hier liegen die Quellen aller Verbrechen, der Bodensatz der Sünden, ja die Hölle der Übeltaten. Was für Böses kann es dort nicht geben, wo die Unkenntnis und Verachtung Gottes ist? Kurz, die Herrschaft des Satan in den Menschen konnte nicht mit kürzeren oder inhaltsreicheren Worten beschrieben werden, als daß er sie als Unkundige und Verächter Gottes bezeichnete. Denn hier ist Ungläubigkeit, hier ist Ungehorsam, hier sind Frevel, hier ist Lästerung gegen Gott, hier ist Grausamkeit und Unbarmherzigkeit gegen den Nächsten, hier ist Selbstliebe in allen Dingen Gottes und der Menschen. So hast Du die Herrlichkeit und die Macht des freien Willens vor Augen. Paulus fährt aber fort und bezeugt, daß er von allen Menschen und insbesondere von den besten und hervorragendsten rede, wenn er sagt: Auf daß aller Mund verstopft werde und alle Welt Gott schuldig sei, darum, daß kein Fleisch durch des Gesetzes Werke vor ihm gerecht sein kann (Röm. 3, 19. 20). Nun bitte ich Dich, auf welche Weise wird der Mund aller verstopft, wenn immer noch eine Kraft übrig ist, mit der wir etwas vermögen?

Es wird dann nämlich möglich sein, Gott zu sagen: Es ist nicht völlig nichts hier; es gibt hier etwas, das Du nicht verdammen kannst. Denn Du hast ihm ja selbst gegeben, daß es etwas vermag. Das wenigstens wird nicht schweigen noch wird es schuldig sein. Wenn nämlich jene Kraft des freien Willens gesund ist und etwas vermag, so ist falsch, daß die ganze Welt Gott schuldig oder vor ihm angeklagt ist. Denn jene Kraft ist keine kleine Sache oder in einem kleinen Teil der Welt, sondern in der ganzen Welt das Trefflichste und Verbreitetste, dem der Mund nicht verstopft werden darf. Wenn ihm aber der Mund verstopft werden darf, ist nötig, daß es mit der ganzen Welt Gott schuldig und angeklagt vor ihm sei. Mit welchem Recht kann es aber schuldig genannt werden, wenn es nicht ungerecht und gottlos wäre, das heißt der Strafe und Züchtigung wert?

Ich möchte doch wohl sehen, durch welche Interpretation jene Kraft des Menschen von der Schuld freigesprochen werden kann, in welche die ganze Welt vor Gott verstrickt ist, oder mit welcher Kunstfertigkeit sie davon ausgenommen werden kann, damit sie nicht in diesen Begriff ganze Welt mit eingeschlossen werden könne. Gewaltig sind die Donnerschläge und durchdringend die Blitze und wahrlich jener Hammer, der Felsen zerschmeißt (wie Jeremias 23, 29 sagt): Alle sind sie abgewichen, die ganze Welt ist schuldig, da ist keiner gerecht (Röm. 3, 11. 12). Damit wird in den Staub getreten, was es auch immer gibt, nicht nur in einen Menschen oder in einigen oder in irgendeinem Teil von ihnen, sondern auch in der ganzen Welt, nichts irgendwie ausgenommen, so daß die ganze Welt bei diesen Worten zittern, erbeben und fliehen sollte. Denn was hätte Größeres und Stärkeres gesagt werden können als dies: Die ganze Welt ist schuldig, alle Menschenkinder sind abgewichen und untüchtig, niemand fürchtet Gott, niemand ist nicht ungerecht, niemand Ist verständig, niemand fragt nach Gott. Nichtsdestoweniger war und ist die Härte und die unvernünftige Widerspenstigkeit unseres Herzens so groß, daß wir diese Donnerschläge und Blitze weder hörten noch empfinden, sondern den. freien Willen und seine Kräfte derweilen zugleich gegen dies alles erhoben und aufrichteten, so daß wir fürwahr jenes Wort Maleachi 1, 4 erfüllten: Sie bauen, aber ich will abbrechen

In demselben großartigen Stil wird auch jenes Wort gesprochen: Aus den Werken des Gesetzes wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt (Röm. 3, 20), Es ist ein großes Wort: aus den Werken des Gesetzes, ebenso wie auch jenes: die ganze Welt, oder jenes: alle Menschenkinder. Denn es ist zu beachten, daß Paulus von den Personen absieht und des Strebens gedenkt, das heißt, daß er alle Personen und was das Trefflichste in ihnen ist, einbezieht. Denn wenn er gesagt hätte: Der Pöbel der Juden, oder die PharisäerDie Pharisäer (hebr. für „die Abgesonderten”) waren eine theologische Ausrichtung im Judentum zur Zeit des zweiten jüdischen Tempels (ca. 530 v. Chr. bis 70 n. Chr.) und wurden danach als rabbinisches Judentum die einzige bedeutende überlebende jüdische Strömung. Im Neuen Testament werden die Vertreter der Pharisäer in polemischer Weise als Heuchler kritisiert und herabgewürdigt. Die Pharisäer hielten nicht nur die niedergeschriebenen Gesetze Mose' für verbindlich, sondern befolgten auch die mündlich überlieferten Vorschriften der Vorfahren. Sie glaubten an eine Auferstehung der Toten und einen freien Willen des Menschen. oder irgendwelche Gottlose werden nicht gerechtfertigt, so hatte es scheinen können, daß er einige übrig gelassen hätte, welche durch die Kraft des freien Willens und die Unterstützung des Gesetzes nicht völlig unnütz wären. Aber da er gerade die Werke des Gesetzes verdammt und für gottlos vor Gott erklärt, so wird offenkundig, daß er alle verdammt, die etwas um ihres Eifers willen für das Gesetz und die Werke galten.

Es befleißigten sich aber des Gesetzes und der Werke nur die Besten und Trefflichsten, und das nur mit ihrem besten und trefflichsten Teil, der Vernunft und dem Willen. Wenn daher diejenigen, die mit höchstem Eifer und Bestreben der Vernunft wie des Willens, das heißt mit dem ganzen Vermögen des freien Willens, im Gesetz und Werken sich übten, als dann durch das Gesetz selbst wie durch göttliche Hilfe unterstützt wurden, durch welches sie unterrichtet und angetrieben wurden, wenn, sage ich, diese der Gottlosigkeit schuldig gesprochen werden, daß sie nicht gerechtfertigt, sondern vor Gott als Fleisch bezeichnet werden, was bleibt dann im ganzen Menschengeschlecht übrig, das nicht Fleisch und gottlos sei? Denn alle werden in gleichem Maße verdammt, die auf den Werken des Gesetzes fußen. Ob sie nämlich mit größtem Eifer, mit mittelmäßigem oder mit gar keinem sich im Gesetz geübt haben, macht nichts aus. Alle konnten nur die Werke des Gesetzes auf sich nehmen, die Werke des Gesetzes aber rechtfertigen nicht. Wenn sie nicht rechtfertigen, kennzeichnen sie und lassen zurück ihre Täter als Gottlose. Die Gottlosen aber sind wahrlich schuldig und des Zornes Gottes würdig. Das ist so klar, daß dawider keiner mucken kann.

Wenn also der freie Wille, vom Gesetz unterstützt und mit aller Kraft im Gesetz geübt, nichts nutzt und nicht rechtfertigt, sondern in Gottlosigkeit und Fleisch bleibt, was kann dann für ihn allein ohne das Gesetz veranschlagt werden? Durch das Gesetz, sagt Paulus, kommt Erkenntnis der Sünde (Röm. 3, 20). Er zeigt hier, wie viel und wie weit das Gesetz nützt, nämlich daß der freie Wille an sich allein so blind ist, daß er nicht einmal die Sünde kennt, sondern ihm das Gesetz als Lehrer dazu nötig ist. Doch wer die Sünde nicht kennt, was mag der unternehmen, um die Sünde zu beseitigen? Das natürlich: daß er, was Sünde ist, nicht für Sünde, und was nicht Sünde ist, für Sünde halten wird. Das, was die Erfahrung zur Genüge beweist: wie die Welt durch diejenigen, die sie für die Besten und Eifrigsten in Bezug auf Gerechtigkeit und Frömmigkeit hält, die durch das Evangelium gepredigte Gerechtigkeit Gottes haßt und verfolgt, und als Ketzerei, Irrtum und mit anderen ganz schlimmen Namen beschimpft, ihre eigenen Werke und Ratschlüsse aber, die wirklich Sünde und Irrtum sind, als Gerechtigkeit und Weisheit rühmt und zur Schau trägt. Es stopft also Paulus mit diesem Wort dem freien Willen den Mund, indem er lehrt, daß durch das Gesetz ihm die Sünde gezeigt wird der ja seine Sünde nicht kennt. So weit ist Paulus davon entfernt, daß er ihm irgendeine Kraft des Strebens nach dem Guten zugesteht.

Und hier wird jene so oft in dem ganzen Buch wiederholte Frage der Diatribe gelöst: Wenn wir nichts können, was sollen denn so viele Gesetze, so viele Gebote, so viele Drohungen, so viele Verheißungen? Hier antwortet Paulus: Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. Er antwortet bei weitem anders auf diese Frage, als der Mensch oder der freie Wille denkt. Nicht, sagt er, wird der freie Wille durch das Gesetz bewiesen. Er wirkt nicht mit zur Gerechtigkeit; denn durch das Gesetz körntet nicht Gerechtigkeit, sondern Erkenntnis der Sünde. Denn dies ist die Frucht, dies das Werk, dies das Amt des Gesetzes, daß es den Unwissenden und Blinden ein Licht ist, aber ein solches Licht, welches die Krankheit, die Sünde, das Böse, den Tod, die Hölle, den Zorn Gottes zeigt. Aber es hilft nicht, noch befreit es von ihnen. Es begnügt sich damit, darauf hingewiesen zu haben. Dann wird der Mensch nach Erkenntnis der Krankheit der Sünde traurig, niedergeschlagen, ja er verzweifelt. Das Gesetz hilft nicht, noch viel weniger kann er sich selbst helfen. Ein anderes Licht ist wahrhaft nötig, welches das Heilmittel zeige. Das ist die Stimme des Evangeliums, welche auf Christus als Befreier von diesen (oben genannten Übeln) allein hinweist. Auf diesen weist nicht die Vernunft oder der freie Wille hin. Und wie könnte sie auch auf ihn hinweisen, da sie selbst eben Finsternis ist, und des Lichtes des Gesetzes entbehrt, welches ihr die Krankheit zeigt, die sie durch ihr eigenes Licht nicht sieht, sondern glaubt, sie wäre Gesundheit?

So behandelt er auch im Brief an die Galater dieselbe Frage, indem er sagt: Was soll also das Gesetz? (Gal 3, 19). Er antwortet aber nicht nach der Weise der Diatribe, auf daß er den freien Willen beweise, sondern sagt also: Es ist um der Übertretungen willen gegeben, bis daß der Same komme, dem die Verheißung geschehen ist (Gal 3, 19). Um der Übertretungen willen (sagt er), nicht um sie einzudämmen, wie Hieronymus träumt, da Paulus doch auseinandersetzt, daß dies dem zukünftigen Samen verheißen ist, die Sünden aufzuheben und einzudämmen, nachdem die Gerechtigkeit verliehen ist; sondern um die Übertretungen zu mehren, wie er Röm. 3, 20 sagt: Das Gesetz ist nebenbei hereingekommen, daß die Sünde überhand nehme. Nicht daß die Sünden ohne das Gesetz nicht geschähen oder nicht überhand nähmen. Sondern sie würden nicht als Übertretungen erkannt oder als so große Sünden, und die meisten und größten würden für Gerechtigkeit erachtet werden. Wenn aber die Sünden nicht erkannt sind, ist kein Raum noch Hoffnung auf ein Heilmittel, deshalb weil sie nicht die Hand des Heilenden ertragen, da sie sich selbst gesund und des Arztes nicht zu bedürfen Scheinen. Deshalb ist das Gesetz notwendig, welches die Sünde kenntlich macht, damit der hochmütige und sich für gesund haltende Mensch, nachdem er ihre Nichtswürdigkeit und Größe erkannt hat, sich demütige und nach der Gnade seufze und lechze, in Christus ihm vorgehalten.

Siehe also, wie schlicht die Redeweise ist: Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünder, und dennoch ist sie allein mächtig genug, den freien Willen außer Fassung zu bringen und zu vernichten. Denn wenn dies wahr ist, daß er aus sich seihst heraus nicht weiß, was die Sünde und das Böse ist - wie Paulus sowohl hier wie Röm. 7, 7 sagt: Ich wußte nicht von der Lust, daß sie Sünde sei, wo das Gesetz nicht hätte gesagt: Laß Dich nicht gelüsten - wie sollte er jemals wissen, was die Gerechtigkeit und das Gute sei? Wenn er aber die Gerechtigkeit nicht kennt, wie soll er nach ihr streben? Die Sünde, in der wir geboren sind, in der wir leben, uns bewegen und sind, vielmehr die in uns lebt, sich bewegt und herrscht, kennen wir nicht. Und wie sollten wir die Gerechtigkeit, die außerhalb unser im Himmel herrscht, kennen? Zu nichts und weniger als nichts machen diese Worte jenen elenden freien Willen.

Da dies sich so verhält, verkündigt Paulus voller Zuversicht und Autorität: Nun aber wird ohne das Gesetz die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, geoffenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott; die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus, zu allen und auf alle, die an ihn glauben. Denn es ist hier kein Unterschied, sie sind alle Sünder und mangeln des Ruhmes vor Gott; und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist, welchen Gott hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut usw. (Röm. 3, 21 - 25).

Ich übergehe hier jene stärksten Gründe von dem Vorsatz der Gnade, von der Verheißung, von der Kraft des Gesetzes, von der Erbsünde, von der angenommenen Erwählung Gottes, deren keiner ist, der nicht für sich allein von Grund aus den freien Willen aufhebt. Denn wenn, die Gnade aus dem Vorsatz (Eph. 1, 11) oder der Vorher; Bestimmung (Gottes) kommt, so kommt sie zwangsnotwendig und nicht durch unser Streben und Eifer, wie wir oben gelehrt haben. Gleichermaßen, wenn Gott die Gnade vor dem Gesetz verheißen hat, wie hier und im Galaterbrief Paulus beweist, dann kommt sie also nicht aus den Werken oder dem Gesetz, sonst wird die Verheißung nichts sein. So wird auch der Glaube nichts sein (durch den doch Abraham. vor dem Gesetz gerechtfertigt wird, Röm. 4, 3; Gal 3, 6 usw.), wenn die Werke gelten. Gleichermaßen, da das Gesetz die Kraft der Sünde ist, aber die Sünde nur zeigt, nicht jedoch beseitigt, macht es das Gewissen schuldig vor Gott und droht den Zorn an. Das ist es, was Paulus sagt: Das Gesetz wirkt Zorn (Röm 4, 15). Auf welche Weise könnte es darum geschehen, daß durch das Gesetz Gerechtigkeit erworben wird? Wenn uns aber durch das Gesetz nicht geholfen wird, wie kann uns allein durch die Kraft des freien Willens geholfen werden? Gleichermaßen, wenn wir durch des einen Adam einziges Vergehen alle unter der Sünde und der Verdammnis sind (Röm. 5, 12), wie können wir da irgend etwas versuchen, was nicht Sünde und verdaulich ist? Wenn Paulus nämlich sagt alle (Röm. 3, 23), nimmt er niemand aus, weder die Kraft des freien Willens noch irgend einen Werkheiligen, er tue Werke oder nicht, er bemühe sich oder nicht; unter alle wird er notwendig mit den übrigen umschlossen.

Wir würden auch nicht sündigen oder verdammt werden durch jene einzige Sünde Adams, wenn sie nicht unsere Sünde wäre. Denn wer würde auf Grund einer fremden Sünde verdammt, zumal vor Gott? Unser wird sie aber nicht durch Nachahmen oder Tun, weil das nicht jene einzige Sünde Adams sein könnte, da sie ja nicht er, sondern wir dann begangen hätten, sie wird vielmehr unser dadurch, daß wir geboren werden. (Doch davon ist an anderer Stelle zu reden). Also gerade die Erbsünde läßt den freien Willen überhaupt nichts können als sündigen und verdammt werden.

Diese Gründe übergehe ich, wie gesagt, weil sie ganz offenbar und mächtig sind, und wir auch einiges weiter oben davon gesagt haben. Wenn wir aber alles, was den freien Willen vernichtet, bei Paulus allein aufzählen wollten, so würden wir nichts Besseres tun, als daß wir mit einem fortlaufenden Kommentar den ganzen Paulus behandelten und bei fast allen einzelnen Worten die Widerlegung der so sehr gerühmten Kraft des freien Willens aufzeigten, wie ich es bereits mit diesem dritten und vierten Kapitel (des Römerbriefs) getan habe.

Ich sage von mir: überaus wundere ich mich, daß, da Paulus so oft jene umfassenden Bezeichnungen verwendet: alle, keiner, nicht, nirgends, ohne, wie zum Beispiel: alle sind sie abgewichen, es ist keiner gerecht, nicht ist einer da, der Gutes tue, auch nicht einer, alle sind sie durch des einen Vergehen Sünder und verdammt, durch den Glauben ohne das Gesetz, wir werden ohne Werke gerechtfertigt, so daß, wenn irgendeiner es anders wollte, er dennoch nicht klarer und offen verständlicher reden könnte, ich wundere mich sage ich, wie es möglich war, daß trotz dieser umfassenden Worte und Sätze andere, ja völlig entgegengesetzte das Übergewicht gewinnen konnten, wie: es gibt etliche, die nicht abweichen, nicht ungerecht, nicht böse, nicht Sünder, nicht verdammt sind; es gibt etwas im Menschen, das gut ist und nach dem Guten eifrig strebt, gleich als ob jeder, welcher Mensch auch immer es sei, der nach dem Guten strebt, nicht unter dieses Wort einbegriffen wäre: alle, keiner, nicht. Ich hätte nichts, wenn ich auch wollte, was ich Paulus entgegensetzen oder erwidern könnte, sondern ich wäre gezwungen, die Kraft meines freien Willens zusammen mit seinem Streben unter und keine mit einbegriffen sein zu lassen, Paulus spricht, es sei denn, daß eine neue und eine neue Redeweise eingeführt werden.

Und es wäre vielleicht möglich, eine Bildrede zu vermuten und die hervorgehobenen Worte zu pressen, wenn er einmal oder an einer Stelle eine solche Kennzeichnung gebrauchte. Aber nun gebraucht er sie fortwährend, gleichzeitig sowohl in bejahender wie in verneinender Hinsicht, und er behandelt den Satz durch Verehelichung und Teilung der allgemeinen Teile überall derartig, daß nicht allein die Natur der Worte und die Redeweise selbst, sondern auch das Folgende, das Vorangehende, der Zusammenhang, die Absicht und die Gesamtheit der ganzen Auseinandersetzung den allgemein herrschenden Gedanken einschließen, Paulus wolle, daß außerhalb des Glaubens an Christus nichts außer Sünde und Verdammnis sei.

Auf diese Weise haben wir versprochen, den freien Willen zu widerlegen, daß alle Widersacher nicht widerstehen können. Das ist es, was ich meine, getan zu haben, auch wenn die Besiegten unserer Ansicht nicht beistimmen oder schweigen. Denn dies ist nicht in unserer Macht, das ist Gabe des heiligen Geistes. Laßt uns noch zu Johannes kommen, der gleichfalls ein reich ausgestatteter und mächtiger Zerstörer des freien Willens ist. Gleich am Anfang schreibt er dem freien Willen eine solche Blindheit zu, daß er das Licht der Wahrheit nicht einmal sieht, und weit davon entfernt ist, daß er nach ihm streben könnte. So nämlich sagt er: Das Licht scheint in der Finsternis, aber die Finsternis begreift es nicht (Joh, 1,5), und bald danach: Es war in der Welt, und die Welt kannte es nicht (Joh. 1, 10). Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf (Joh, l1, 11). Was, glaubst Du, versteht er unter Welt? Willst Du etwa irgendeinen Menschen, außer dem durch den Geist Wiedergeborenen, aus diesem Begriff absondern? Laßt uns auch ein Beispiel des freien Willens hören. Nikodemus ist gewiß ein Mann, bei dem man nichts von dem vermissen kann, was der freie Wille vermag. Denn was unterläßt dieser Mann an Eifer oder Bemühen? Er bekennt, daß Christus die Wahrheit verkündet, und von Gott gekommen sei, er rühmt seine Wundertaten, er kommt nachts, um das Übrige zu hören und zu besprechen. Scheint er nicht vermöge des freien Willens das gesucht zu haben, was zum Glauben und zum Heil gehört? Aber siehe, wie er anstößt. Als er hört, wie von Christus der wahre Weg zum Heil durch die Wiedergeburt gelehrt wird, erkennt er ihn etwa an oder bekennt er, daß er ihn jemals gesucht habe? Er schreckt vielmehr so davor zurück und wird so verwirrt, daß er sagt, er begreife ihn nicht nur nicht, sondern sich abwendet, weil es unmöglich sei: Wie, sagt er, kann das geschehen? (Job. 3, 9).>

Das ist fürwahr nicht verwunderlich. Denn wer hat es jemals gehört, daß aus Wasser und Geist ein Mensch zum Heil wiedergeboren werden muß? Wer hat jemals gedacht, daß der Sohn Gottes erhöht werden müsse, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren werde, sondern das ewige Leben habe? (Joh. 3, 14. 15), Oder haben dessen je die scharfsinnigsten und besten Philosophen gedacht? Oder haben die Angesehensten dieser Welt diese Weisheit je erkannt? Oder hat irgendeines freier Wille je danach gestrebt? Bekennt nicht Paulus, daß diese Weisheit im Geheimnis verborgen sei (1. Kor. 2, 7), durch die Propheten zwar vorhergesagt, aber durch das Evangelium geoffenbart, so daß sie von Ewigkeit her verschwiegen und der Welt unbekannt war?

Was soll ich sagen? Laßt uns die Erfahrung befragen! Die ganze Welt selbst, die menschliche Vernunft selbst, ja sogar der freie Wille selbst ist gezwungen zu bekennen, daß er Christus nicht gekannt und nicht von ihm gehört habe, bevor das Evangelium in die Welt kam. Hat er ihn aber nicht gekannt, so hat er ihn noch viel weniger gesucht, oder ihn suchen oder zu ihm hinstreben können. Doch Christus ist der Weg, die Wahrheit, das Leben und das Heil (Joh. 14, 6). Er bekennt also, ob er will oder nicht, daß er aus eigene n Kräften das weder hat kennen noch suchen können, was zum Weg, zur Wahrheit und zum Heil gehört. Nichtsdestoweniger wüten wir gerade gegen dies Bekenntnis und gegen die eigene Erfahrung und verfechten mit leeren Worten, daß in uns eine solche Kraft übrig sei, die sowohl wisse wie sich zu dem bereiten könne, was zum Heil gehört. Das heißt soviel behaupten - da doch Christus der Sohn Gottes, für uns erhöht ist, obwohl keiner es jemals hatte wissen oder daran denken können - daß diese Unwissenheit nicht Unwissenheit ist, sondern Kenntnis Christi das heißt dessen, was zum Heil gehört, Siehst und fühlst Du noch nicht, daß die Verteidiger des freien Willens vollkommen unsinnig sind, wenn sie das Kenntnis nennen, von dem sie selbst, bekennen, da es Unwissenheit sei? Bedeutet das nicht die Finsternis Licht nennen, wie Jes. 5, 20? Denke nur, so gewaltig verstopft Gott dem freien Willen den Mund durch sein eigen Bekenntnis und Erfahrung, dennoch kann er auch so nicht schweigen und Gott die Ehre geben.

Wenn Christus weiter der Weg, die Wahrheit und das Leben genannt wird (Joh. 14, 6), und dies auf dem Wege des Vergleichs, so daß, was auch immer nicht Christus ist, nicht Weg, sondern Irrtum, nicht Wahrheit, sondern Lüge, nicht Leben, sondern Tod ist, dann muß das Wesen des freien Willens, da er weder Christus noch in Christus ist, notwendig Irrtum, Lüge und Tod ausmachen. Wo also und woher will man jenes Ding haben, das in der Mitte steht und keines von beiden ist, nämlich jene Kraft des freien Willens, die, während sie weder Christus (d. h. Weg, Wahrheit und Leben) ist, dennoch nicht Irrtum, nicht Lüge und nicht Tod sein soll? Denn wenn nicht alles antithetisch gesagt würde, was von Christus und der Gnade gesagt wird, so daß es dem Gegenteil gegenüber gestellt wird - das bedeutet, daß außerhalb von Christus nichts außer dem Satan ist, außerhalb der Gnade nichts außer Zorn, außerhalb des Lichtes nichts außer Finsternis, außerhalb des Weges nichts außer Irrtum, außerhalb der Wahrheit nichts außer Lüge, außerhalb des Lebens nichts außer Tod - was, frage ich, würden dann alle Reden der Apostel und die ganze Schrift erreichen? Umsonst natürlich wurde alles gesagt werden, da es nicht nötigte, Christus für notwendig zu halten (was es doch am meisten beabsichtige) deswegen, weil ein Mittelding gefunden wird. das an sich selbst weder böse noch gut, weder Christi noch des Satans wäre, weder wahr noch falsch, weder lebendig noch tot vielleicht sogar weder etwas noch nichts wäre, und wenn dies das Beste und Höchste im ganzen Menschengeschlecht genannt werden könnte.

Wähle also, was von beiden Du willst! Wenn Du zugibst daß die Schrift antithetisch redet, wirst Du über den freien Willen nichts sagen können, als was Christus entgegengesetzt ist, nämlich daß Irrtum, Tod, der Satan und alle Übel in ihm herrschen. Wenn Du nicht zugibst daß sie antithetisch redet, schwächst Du bereits die Schrift, so daß sie nichts ausrichtet und Christus nicht als notwendig beweist. Und während Du den freien Willen aufrichtest, entkräftest Du Christus und richtest die Schrift zugrunde. Weiter, wenn Du auch mit Worten vorgibst Christus zu bekennen, so verleugnest Du ihn doch durch. die Tat. Denn, wenn die Kraft des freien Willens nicht ganz voll Irrtum noch verdammlich ist, sondern das Ehrbare und Gute, das. was sich auf das Heil bezieht, sieht und will so ist sie gesund, hat Christus als Arzt nicht nötig (Matth. 9, 12). Und Christus hat diesen Teil. des Menschen auch nicht, erlöst, denn was bedarf man des Lichtes und des Lebens, wo Licht und Leben ist?

Doch wenn dieser Teil nicht durch Christus erlöst ist, so ist das Beste im Menschen nicht erlöst, sondern durch sich selbst gut und gesund. Dann ist Gott auch ungerecht, wenn er irgend einen Menschen verdammt, weil er das, was im Menschen das Beste und gesund, das heißt un schuldig ist, verdammt. Denn kein Mensch hat den freien Willen nicht. Und mag auch ein böser Mensch ihn mißbrauchen, so wird doch gelehrt, daß die Kraft selbst nicht ausgelöscht wird, so daß sie nicht nach dem Guten strebe und streben könne. Wenn sie aber derartig beschaffen ist, so ist sie ganz ohne Zweifel gut, heilig und gerecht. Darum darf sie nicht verdammt werden, sondern muß von dem. zu verdammenden Menschen abgetrennt werden. Aber das kann nicht geschehen, und wenn es geschehen könnte, so wäre der Mensch, der von nun an ohne den freien Willen ist, gar kein Mensch, würde keine Verdienste, keine Unverdienste erwerben, nicht gerettet werden; er wäre schlechterdings ein Tier, nicht mehr unsterblich. Es bleibt also nur übrig, daß Gott ungerecht ist, der jene gute, gerechte, heilige Kraft, die Christi nicht bedarf, in und mit dem bösen Menschen verdammt. Doch lasset uns im Johannesevangelium fortfahren: Wer an ihn glaubt, sagt er, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes (3, 18). Antworte mir, ob der freie Wille zur Zahl der Glaubenden gehört oder nicht. Wenn ja, hat er wiederum die Gnade nicht nötig, da er aus sich selbst an Christus glaubt, den er aus sich selbst weder kennt noch an ihn denkt. Wenn nein, ist er bereits gerichtet; was doch nichts anderes ist, als: er ist vor Gott verdammt. Jedoch Gott verdammt nur das Gottlose; also ist er gottlos. Was Frommes kann das Gottlose anstreben? Ich glaube auch nicht, daß hier die Kraft des freien Willens ausgenommen werden kann da vom ganzen Menschen gesprochen wird, von dem er sagt, daß er verdammt wird. Dazu ist die Ungläubigkeit nicht eine grobe Neigung, sondern die höchste, die da sitzt und herrscht in der Burg des Willens und der Vernunft, wie ihr Gegensatz, der Glaube. Ungläubig aber sein heißt, Gott verleugnen und zum Lügner machen, 1. Joh. 5, 10: So wir nicht glauben, machen wir Gott zum Lügner. Auf welche Weise strebt nun jene Gott entgegengesetzte und ihn zum Lügner machende Kraft nach dem Guten? Wenn jene Kraft nicht ungläubig und gottlos wäre, hatte er nicht vom ganzen. Menschen sagen dürfen: Er ist schon gerichtet, sondern so: der Mensch ist nach seinen groben Neigungen schon gerichtet, aber nach seiner besten und hervorragendsten wird er .nicht gerichtet weil sie nach dem Glauben strebt, oder sie ist vielmehr schon gläubig. Also, wo die Schrift so oft sagt: alle Menschen sind Lügner (Ps. 116, 11), werden wir auf Grund der Autorität des freien Willens sagen: Im Gegenteil, die Schrift vielmehr lügt, denn der Mensch ist nicht ein Lügner an seinem besten Teil, das heißt der Vernunft und dem Willen, sondern nur am Fleisch, Blut und Mark, so daß also jenes Ganze, das ihm den Namen Mensch verschafft, die Vernunft und der Wille, gesund und heilig ist.

So wird man ebenfalls auch den Spruch des Täufers Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm (3, 36) so verstehen müssen: über ihm, das heißt über den großen Neigungen des Menschen bleibt der Zorn Gottes, über jener Kraft aber des freien Willens, des Willens nämlich und der Vernunft bleibt die Gnade und das ewige Leben. Entsprechend diesem Beispiel, damit der freie Wille bestehen bleibe, kann man alles, was in der Schrift gegen die gottlosen Menschen gesagt wird, mit Hilfe einer das Ganze statt des Teiles setzenden Redefigur (synekdochisch) auf den tierischen Teil des Menschen deuten, damit der vernünftige und wahrhaft menschliche Teil gerettet werde. Dann werde ich den Verfechtern des freien Willens danken, und mit Dreistigkeit sündigen, dessen sicher, daß Vernunft und Wille bzw. der freie Wille nicht verdammt werden können, deswegen, weil sie nie erlöschen, sondern fortwährend gesund, gerecht und heilig bleiben. Doch wenn der Wille und die Vernunft selig sind, werde ich mich freuen, daß das abscheuliche und tierische Fleisch abgetrennt und verdammt wird; so viel fehlt daran, daß ich ihm Christus zum Erlöser wünsche. Du siehst, wohin uns die Lehre vom freien Willen führt, daß sie alles Gott liehe und Menschliche, Zeitliche und Ewige verleugnet mit so vielen Ungeheuerlichkeiten sich selbst verspottet gleichermaßen sagt der Täufer: Der Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn vom Himmel gegeben (3, 27). Hier möge die Diatribe aufhören, ihren reichen Stoff zur Schau zu tragen, wo sie alles aufzählt, was wir vom Himmel haben. Nicht über die Natur, sondern über die Gnade disputieren wir, noch fragen wir, wie wir auf der Erde sondern wie wir im Himmel vor Gott beschaffen sind. Wir wissen, daß der Mensch zum Herrn über die Dinge unter ihm eingesetzt ist, über die er ein Recht und einen freien Willen hat, auf daß jene gehorchen und tun, was er will und denkt. Aber danach fragen wir, ob er Gott gegenüber den freien Willen hat, daß dieser will und tut, was Gott will, und nichts kann, außer was jener will und tut.

Hier sagt der Täufer, daß er nichts nehmen kann, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben werde. Darum wird der freie Wille nichts sein. Ich lasse unerwähnt jenen meinen wahrhaften Achill, an dem die Diatribe tapfer vorübergegangen ist, ohne ihn zu berühren, nämlich was Paulus Röm. 7, 14 ff und Gal. 5, 16 ff lehrt, daß in den Heiligen und Frommen ein so heftiger Kampf zwischen Geist und Fleisch stattfinde, daß sie nicht tun können, was sie wollen. Daraus habe ich gefolgert: Wenn die Natur des Menschen so böse ist, daß sie in denen, die durch den Geist wiedergeboren sind, nicht nur nicht nach dem Guten strebt, sondern auch gegen das Gute kämpft und Widerstand leistet, auf welche Weise könnte sie in denen, die, noch nicht wiedergeboren, im alten Menschen unter dem Satan Sklaven sind, nach dem Guten streben? Denn Paulus redet dort nicht allein von den groben Neigungen, unter Hinweis auf die wie durch eine allgemeingültige Fluchtgelegenheit die Diatribe allen Sprüchen der Schrift zu entwischen pflegt, sondern er zählt unter den Werken des Fleisches auf Ketzerei, Abgötterei, Zwietracht, Streitigkeiten (Gal. 5, 20), die unter allen Umständen herrschen in jenen höchsten Kräften, nämlich der Vernunft und dem Willen. Wenn also das Fleisch durch diese Neigungen in den Heiligen gegen den heiligen Geist kämpft, wird es um vieles mehr in den Gottlosen und im freien Willen gegen Gott kämpfen. Deswegen nennt Paulus es auch Röm. 8, 7 Feindschaft gegen Gott. Dieses Argument, sage ich, möchte ich gern entkräftet und von ihm aus dem freien Willen verteidigt sehen.

Ich bekenne fürwahr in Bezug auf mich: Wenn es irgendwie geschehen konnte, möchte ich nicht, daß mir ein freier Wille gegeben werde, oder daß etwas in meiner Hand gelassen würde, womit ich nach dem Heil streben könnte. Nicht allein deswegen, weil ich in so vielen Widerwärtigkeiten und Gefahren, weiter bei so vielen widerstreitenden Teufeln nicht Stand zu halten und es zu bewahren vermöchte, da ein Teufel mächtiger ist als alle Menschen und (um ihretwillen) kein Mensch gerettet würde- Sondern auch weil ich, auch wenn keine Gefahren, keine Widerwärtigkeiten, keine Teufel existierten, dennoch Gezwungen wäre, fortwährend im Ungewissen zu arbeiten und Lufthiebe zu machen. Denn mein Gewissen würde, wenn ich auch ewig lebte und wirkte, niemals gewiß und sicher, wieviel es tun müßte, damit es Gott genug tue. Denn welches Werk auch immer vollbracht wäre, immer bliebe der beunruhigende Zweifel zurück, ob es Gott gefalle oder ob er irgend etwas darüber hinaus fordere, wie es auch die Erfahrung aller Werkheiligen beweist und wie ich es zu meinem großen Leidwesen so viele Jahre hindurch zur Genüge gelernt habe.

Aber jetzt, da Gott mein Heil aus meinem Willen herausgenommen und in seinen Willen aufgenommen hat, und nicht durch mein Werk oder Laufen, sondern durch seine Gnade und Barmherzigkeit mich zu erhalten verheißen hat, bin ich sicher und gewiß, daß er getreu ist und mir nicht lügen wird, auch mächtig und stark ist, daß keine Teufel, keine Widrigkeiten ihn werden überwältigen oder mich ihm werden entreißen können, Niemand, spricht er, wird sie aus meiner Hand reißen; denn der Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer denn alles (Joh. 10, 28. 29), So geschieht es, daß, wenn nicht alle, so doch etliche und viele gerettet werden, während durch die Kraft des freien Willens überhaupt keiner gerettet würde, sondern wir würden alle zusammen verloren gehen. So sind wir auch gewiß und sicher, daß wir Gott gefallen, nicht durch das Verdienst unseres Werkes, sondern durch die Huld seiner uns verheißenen Barmherzigkeit; und daß er es uns nicht anrechnet, wenn wir weniger oder Böses tun, sondern uns väterlich verzeiht und bessert- Das ist der Ruhm aller Heiligen in ihrem Gott. Möglicherweise macht aber das irre, daß es schwierig ist, die Gnade und Gerechtigkeit Gottes zu behaupten, der solche verdammt, die es nicht verdient haben, das heißt solche Gottlose, die in Gottlosigkeit geboren, auf keine Weise sich selbst helfen können, daß sie nicht gottlos seien, bleiben und verdammt werden, und die gezwungen sind., aus der Notwendigkeit ihrer Natur heraus zu sündigen und untergehen, wie Paulus sagt: Wir waren alle Kinder des Zorns, gleich wie auch die übrigen (Eph, 2, 3). Denn sie werden derart von Gott selbst aus dem durch die Sünde des einen Adam verderbten Samen geschaffen. Hier muß Gottesfürchtig verehrt werden, der überaus gütig denen ist, die er als ganz Unwürdige rechtfertigt und Selig macht. Und es muß jedenfalls ganz seiner göttlichen Weisheit anheimgestellt werden, auf daß er für gerecht gehalten wird, wo er uns ungerecht zu sein scheint. Denn wenn seine Gerechtigkeit derart wäre, daß sie nach menschlichem Fassungsvermögen als gerecht beurteilt werden überhaupt nicht göttlich und würde sich in nichts von der menschlichen Gerechtigkeit unterscheiden. Aber da Gott der Wahre, der Eine ist, dazu ganz unbegreiflich und unzugänglich für die menschliche Vernunft, so ist es billig, sogar notwendig, daß auch seine Gerechtigkeit unbegreiflich ist, wie es Paulus auch ausruft, wenn er sagt: O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege (Röm. 11, 33).

Sie wären aber nicht unbegreiflich, wenn wir in jeder Hinsicht begreifen konnten, warum sie gerecht sind. Was ist der Mensch im Vergleich mit Gott? Wie gering ist das, was unsere Macht kann im Vergleich mit seiner Macht? Was ist unsere Stärke im Vergleich mit seinen Kräften? Was unser Wissen im Vergleich mit seiner Weisheit? Was unser Wesen im Vergleich mit seinem Wesen? Summa, was ist all das Unsrige im Vergleich mit all dem Seinigen? Wenn wir also eingestehen, auch durch die Lehrmeisterin Natur, daß menschliche Macht, Kraft, Weisheit Beschaffenheit und alles, was unser ist, völlig nichts ist, wenn es mit der göttlichen Macht, Kraft, Weisheit, Erkenntnis und Beschaffenheit verglichen wird, was ist das für eine Verkehrtheit von uns, daß wir die alleinige Gerechtigkeit und das Gericht Gottes anfechten und unserem Urteil soviel anmaßen möchten, daß wir das göttliche Urteil begreifen, beurteilen und ermessen wollen. Warum sagen wir nicht ähnlich- auch hier: unser Urteil ist nichts, wenn es mit dem göttlichen verglichen wird? Befrage die Vernunft selbst, ob sie nicht bloßgestellt und gezwungen ist, sich als töricht und vermessen zu bekennen, weil sie das Urteil Gottes nicht unbegreiflich sein lassen will, da sie doch zugeben muß, daß alle anderen göttlichen Dinge unbegreiflich sind. Aber freilich, in allem anderen gestehen wir Gott die göttliche Majestät zu, allein bei seinem Gericht sind wir bereit, sie zu leugnen und können bis jetzt nicht glauben, daß er gerecht ist, obwohl er uns doch verheißen hat, daß wir, sobald er bewußt seine Herrlichkeit offenbart haben wird, alle alsdann sehen und begreifen werden, daß er gerecht gewesen sei und noch ist.

Ich will ein Beispiel geben, um diesen Glauben zu stärken und um das nichtsnutze Auge zu beschwichtigen, das Gott der Ungerechtigkeit verdächtig hält. Siehe, Gott regiert diese körperliche Welt in den äußeren Dingen so, daß Du, wenn Du auf das Urteil der menschlichen Vernunft schaust und ihm folgst, gezwungen bist zu sagen, entweder: es gibt keinen Gott oder: Gott ist ungerecht, wie jener (Unbekannte) sagt: Ich werde oft aufgewiegelt anzunehmen, daß es keine Götter gibt. Denn siehe, wie es den Bösen außerordentlich wohl ergeht, dagegen den Guten umgekehrt besonders übel; das bezeugen die Sprichwörter und die Erfahrung, die Mutter der Sprichwörter: Je größer der Schalk, desto besser das Glück. Die Hütten der Gottlosen, sagt Hiob 12, 6, haben die Fülle. Und Psalm 73, 12 klagt, daß die Sünder in der Welt Reichtum im Überfluß haben. Ich bitte Dich, ist es nicht nach dem Urteil aller ganz ungerecht, daß die Bösen beglückt und die Guten heimgesucht werden? Doch so bringt es der Weltlauf. Hier sind auch die bedeutendsten Geister darauf verfallen, daß sie Gottes Dasein leugneten und sich einbildeten, daß das Glück alles blindlings herumtreibe, wie z. B. die Epikureer und Plinius, Aristoteles weiterhin meint, daß jenes sein erstes Seiende (primum ens), auf daß er es von diesem Elend befreie, selbst von (diesen) Dingen nichts sehe, sondern nur sich selbst; denn er hält es für außerordentlich schwer zu ertragen, daß es so viele Übel und Ungerechtigkeiten sehen soll.

Die Propheten sogar, die glaubten, daß Gott existiere, sind durch die Ungerechtigkeit Gottes noch mehr in Versuchung geführt worden, wie Jeremias, Hiob, David, Asaph und andere. Was, meinst Du, haben Demosthenes und Cicero gedacht, als sie alles, was sie vermochten, ausgerichtet hatten und eine solche Belohnung durch einen elenden Tod empfingen? Und dennoch wird diese außerordentlich glaublich scheinende und mit solchen Gründen, denen keine Vernunft oder kein Licht der Natur widerstehen kann, vorgetragene (scheinbare) Ungerechtigkeit Gottes überaus leicht durch das Licht des Evangeliums und die Kenntnis der Gnade auf gehoben, durch die wir belehrt werden, daß es den Gottlosen zwar äußerlich wohl gehe, daß sie aber an der Seele zugrunde gehen. Und bliese kurze Lösung dieser (scheinbar) unlösbaren Frage besteht in einem einzigen Wörtchen, nämlich: es gibt ein Leben nach diesem Leben, in dem alles, was hier nicht bestraft und belohnt ist, dort wird bestraft und belohnt werden, da dies Leben nichts ist als ein Vorläufer oder vielmehr Anfang des künftigen Lebens. Wenn also das Licht des Evangeliums, welches allein im Wort und Glauben Geltung hat, so viel bewirkt, daß diese durch alle Jahrhunderte behandelte und niemals gelöste Frage so leicht gelöst und beseitigt wird, was meinst Du, wird geschehen, wenn das Licht des Wortes und des Glaubens aufhören und die Sache selbst und die göttliche Majestät durch sich selbst offenbart werden wird? Oder meinst Du nicht, daß dann das Licht der Herrlichkeit eine (jede) Frage auf das Leichteste lösen kann, die im Lichte des Wortes oder der Gnade unlösbar ist, da das Licht der Gnade eine Frage so leicht gelöst hat, die im Licht der Natur unlösbar war?

Nimm mir dreierlei Licht an, das Licht der Natur, das Licht der Gnade und das Licht der Herrlichkeit, wie es eine verbreitete und gute Unterscheidung tut. Im Licht der Natur ist es unlösbar, daß das gerecht ist, daß der Gute heimgesucht wird und daß es dem Bösen wohl geht. Doch dies löst das Licht der Gnade, Im Licht der Gnade ist es unlösbar, wie Gott den verdammen kann, der aus seinen eigenen Kräften nichts anderes tun kann, als sündigen und schuldig werden. Hier sagen sowohl das Licht der Natur, wie das Licht der Gnade, daß die Schuld nicht des armen Menschen, sondern des ungerechten Gottes sei. Denn sie können nicht anders über Gott urteilen, der den gottlosen Menschen umsonst ohne Verdienste krönt, und einen anderen nicht krönt, sondern verdammt, der vielleicht weniger oder wenigstens nicht mehr gottlos ist. Aber das Licht der Herrlichkeit redet anders und wird alsdann zeigen, daß Gott, dessen Gericht bisher eine unbegreifliche Gerechtigkeit innewohnt, die gerechteste und offenkundigste Gerechtigkeit zugehört. Bis dahin sollen wir das glauben, ermahnt und bestärkt durch das Beispiel des Lichtes der Gnade, welches ein ähnliches Wunder (nämlich die leichte Lösung einer ursprünglich unlösbaren Frage) beim natürlichen Licht vollbringt.

Hier will ich ein Ende dieses Buches machen, bereit, wenn es nötig ist, noch in mehr Büchern diese Sache zu behandeln, obwohl ich glaube, daß hier dem Frommen und dem, der der Wahrheit ohne Halsstarrigkeit sich unterordnen will, mehr als genug getan ist. Denn wenn wir glauben, es sei wahr, daß Gott alles vorherweiß und vorherordnet, dann kann er in seinem Vorherwissen und in seiner Vorherbestimmung weder getäuscht noch gehindert werden, dann kann auch nichts geschehen, wenn er es nicht selbst will. Das ist die Vernunft selbst gezwungen zuzugeben, die zugleich selbst bezeugt, daß es einen freien Willen weder im Menschen noch im Engel, noch in sonst einer Kreatur geben kann. Ebenso, wenn wir glauben, daß der Satan der Fürst der Welt ist, der dem Reiche Christi mit allen Kräften fortwährend nachstellt und es bekämpft, damit er die gefangenen Menschen nicht freizulassen braucht, wenn er nicht durch die göttliche Kraft des Geistes zum Weichen gebracht ist, so ist wiederum offenbar, daß es keinen freien Willen geben kann. Ebenso, wenn wir glauben, daß die Erbsünde uns also verderbt hat, daß sie auch diejenigen, die vom Geiste getrieben werden, durch den Widerstand gegen das Gute außerordentlich böse zu schaffen macht, so ist es klar, daß an dem Menschen, der den heiligen Geist nicht hat, nichts übrig ist, was sich zum Guten wenden könne, sondern nur zum Bösen. Gleichermaßen, wenn die Juden, die mit äußerster Kraftanstrengung der Gerechtigkeit nachtrachteten, vielmehr in Ungerechtigkeit gefallen sind, und die Heiden, die nach der Gottlosigkeit trachteten, ohne Verdienst und unverhofft zur Gerechtigkeit gelangten, so ist es abermals durch das Ergebnis selbst wie die Erfahrung offenbar, daß der Mensch ohne die Gnade nichts als Böses wollen kann. Aber in Summa, wenn wir glauben, daß Christus die Menschen durch sein Blut erlöst hat, sind wir gezwungen zuzugeben, daß der ganze Mensch verloren gewesen ist; wir werden sonst Christus entweder überflüssig oder zum Erlöser des wertlosesten Teiles (im Menschen) machen. Das wäre aber gotteslästerlich und verrucht.

Dich nun, lieber Erasmus, bitte ich um Christi willen, daß Du endlich Dein Versprechen erfüllst. Du hast aber versprochen, dem nachzugeben, der Dich eines Besseren belehre. Laß die Rücksicht auf die Person beiseite! Ich gebe zu. Du bist bedeutend und mit vielen und zwar den edelsten Gaben von Gott ausgezeichnet, mit Geist, Gelehrsamkeit, einer geradezu wunderbaren Beredsamkeit, um von den anderen zu schweigen- Ich aber habe und bin nichts, außer daß ich mich beinahe rühmen darf, ein Christ zu sein. Weiter lobe und preise ich Dich auch deshalb außerordentlich, daß Du als einziger von allen anderen die Sache selbst angegangen bist, das heißt den eigentlichen Kern der Sache, und mir nicht zugesetzt hast mit jenen nicht eigentlich zur Sache gehörenden Fragen über das Papsttum, das Fegefeuer, den Ablaß und ähnlichen Dingen, die mehr Lappalien als wirkliche Probleme sind, mit denen bisher fast alle auf mich vergeblich Jagd gemacht haben. Du einzig und allein hast den Angelpunkt der Sache gesehen und die Hauptsache selbst angegriffen. Dafür danke ich Dir von Herzen. Denn mit dieser Sache gebe ich mich lieber ab, soweit Zeit und Muße es gestatten. Wenn das diejenigen getan hätten, die mich bisher angegriffen haben, wenn das bis zur Stunde die täten, die sich bloß mit neuen Geistern und neuen Offenbarungen brüsten, so hätten wir weniger Aufruhr und Spaltungen und mehr Frieden und Eintracht. Aber Gott hat so durch den Satan unsere Undankbarkeit gestraft. Indessen, wenn Du diese Streitfrage nicht anders behandeln kannst, als Du sie in dieser Diatribe behandelt hast, so wünschte ich von ganzer Seele, daß Du, zufrieden mit der Dir gewordenen Gabe, die Wissenschaften und die Sprache, wie Du es bisher mit großem Erfolg und Ruhm getan hast, pflegtest, befördertest und weiter führtest. Mit diesem Bemühen hast Du auch mir viel zu Dienst getan, so daß ich bekenne, Dir viel zu verdanken. In dieser Hinsicht verehre ich Dich und bewundere Dich aufrichtigen Herzens. Daß Du aber dieser unserer Streitfrage gewachsen gewesen wärest, hat Gott noch nicht gewollt und Dir noch nicht gegeben, was ich Dich bitte, nicht als aus Anmaßung gesagt anzusehen. Ich bete vielmehr, daß der Herr Dich recht bald mir in dieser Sache so überlegen mache, wie Du mir in allem anderen überlegen bist. Ist es doch nichts Neues, daß Gott Moses durch Jethro unterrichtet und Paulus durch Ananias belehrt.

Wenn Du freilich sagst, die Meinung gehe weit am. Ziel vorbei, daß Du von Christus nichts wissen solltest, so erachte ich, daß Du selbst zugeben mußt, wie es damit steht. Denn es werden deswegen nicht alle irre gehen, wenn Du oder ich irren, Gott ist es, der wundersam in seinen Heiligen verkündigt wird (Ps, 68, 36), so daß wir die für heilig halten können, die sehr weit von der Heiligkeit entfernt sind. Und es ist wohl möglich, daß Du, da Du ein Mensch bist, die Schrift oder die Aussprüche der Väter, unter deren Führung Du glaubst, das Ziel zu erreichen, entweder nicht recht verstehst oder nicht sorgfältig genug beachtest. Darauf deutet zur Genüge jenes Wort hin, daß Du schreibst, nicht um feste Behauptungen aufzustellen, sondern um Ansichten ausgetauscht zu haben. So schreibt niemand, der die Sache von Grund aus durchschaut und recht versteht. Ich aber habe in diesem Buch nicht Ansichten ausgetauscht, sondern ich habe feste Behauptungen aufgestellt und stelle feste Behauptungen auf. Ich will auch keinem, das Urteil überlassen, sondern rate allen, daß sie Gehorsam leisten. Der Herr aber, um dessen Sache es geht, erleuchte Dich und mache Dich zu einem Gefäß zu (seiner) Ehre und Herrlichkeit. Amen.


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zuletzt aktualisiert am 10.09.2016
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